Zur ethischen Relevanz des „Homo oeconomicus“

23. Oktober 2019 0 Von Markus Hahn

Homo sapiens ist die Bezeichnung für eine biologische Spezies, deren Stärke sich vor allem dadurch auszeichnet, durch Kooperation mit anderen Individuen eine kollektive Kraft zu erschaffen, welche über der individuellen Leistung liegt. Besonders im Wirtschaften wird die Zusammenarbeit und Abhängigkeit der Menschen untereinander deutlich. Aber wie lässt sich ein in diesem System eingebundener Mensch interpretieren? Die daraus resultierende Definition  hängt zusammen mit der Sichtweise, den Vorurteilen und dem Wissen, welches bei solch einer Interpretation mit einfließt.

Das Konstatieren von bestimmten Gattungsbegriffe hat bereits eine performative Wirkung. So schreibt Christian E. W. Kremser, dass die Konstatierung des „Homo oeconomicus“ zu einem neuen Verständnis der Ökonomie beigetragen hat.[1] Der Wandel von der Bedarfswirtschaft zu der Marktgesellschaft verdeutlicht diese Entwicklung. Die Bedarfswirtschaft hat weitgehend an Relevanz verloren, die Marktwirtschaft zielt vor allem auf Profitgewinnmaximierung ab. Daniel Bell weist daraufhin, dass Hedonismus, Fleiß und Egoismus die fundamentalen Bestandteile der modernen Wirtschaft darstellen.[2] Wobei es aber zu einem Widerspruch in der Gesellschaft kommt. Während die Arbeitswelt vor allem durch Fleiß gekennzeichnet ist, stellt die Freizeit einen hedonistisch gestalteten Raum dar, der verstärkt durch Konsum gefüllt wird. Dazu passend musste nun ein Menschenbild gefunden werden, dass sich nahtlos in die modernen Anforderungen einbinden lässt. Der „Homo oeconomicus“ wurde geboren.

Menschenbilder

Ein Menschenbild ist immer ein kurzer Ausschnitt aus der Realität und hebt bestimmte Eigenschaften hervor, während andere unerwähnt bleiben.[3] Solche Modelle haben in einer wissenschaftlichen Betrachtung immer den Vorteil, dass die vorhandene Datenmenge nicht Überhand nimmt und somit Entscheidungsprozesse effektiv gestalten werden können. Solche Modelle können aber keinesfalls aufgrund ihrer Unvollständigkeit als eine normative Gestaltungskraft herangezogen werden. Das geschieht aber oftmals beim „Homo oeconomicus“, der als eine Summe von Eigenschaften, das moderne Gesellschaftsleben determiniert. Diese Sicht des Menschen unterscheidet sich von einem theologischen oder geisteswissenschaftlichen Menschenbild, indem es hier zu einer bewussten Reduzierung auf funktionale Aspekte kommt. Die Reduzierung des Menschen auf wenige Eigenschaften, verzerrt allerdings die Komplexität der menschlichen Seinsart. Sämtliche Eigenschaften müssen daher in einer Relativität betrachtet werden, sie müssen in einem Bezug zu anderen Eigenschaften gesetzt werden.

Dieses künstlich erzeugte und unrealistische Menschenbild, drängt Menschen in bereits vorgefertigte Rollenbilder mit entsprechenden Anforderungen, Pflichten oder Rechten. Aus der Sichtweise von Sigmund Freud kann der „Homo oeconomicus“ so verstanden werden, dass die kapitalistischen Triebkräfte die libidinösen Entwicklungskräfte verdrängen und diesen Anspruch an jeden Menschen stellen.[4] Damit ist der Kategoriebegriff als ein Entfremdungsbegriff zu verstehen, der bemüht ist, auf Basis der Rationalität sämtliche emotionale Prozesse weitgehend als einen Störfaktor zu minimieren und ein ökonomisches Leistungsprinzip zu entwickeln. Ein so verstandener Gattungsbegriff hat, wenn er modernen ökonomischen Theorien zugrunde gelegt wird, nicht nur eine Gestaltungskraft, sondern führt auch zu Entfremdung und zu Instrumentalisierung der in die Arbeitswelt eingebundenen Menschen. Auch läuft er Gefahr, wenn dieser als absolut verstanden wird, ideologisch zu werden.

Als Berechnungsgrundlage modernen Wirtschaftstheorien dient der „Homo oeconomicus“ als deduktives Ableitungsmoment, um menschliches Verhalten berechnen und vorhersagen zu können.[5] Damit wird gleichzeitig festgehalten, dass es sich hierbei nur um einen Berechnungsmaßstab handelt und keinesfalls um eine realistische Abbildungsqualität. Es kann daher als ein Gattungsbegriff verstanden werden, der sich aus rationalen Überlegungen ergab und als ein wichtiger Ankerpunkt in den ökonomischen Gesellschaftstheorien behandelt wird. Historisch verstanden stellt der Versuch ökonomische Gesetzmäßigkeiten zu formulieren, ein Nachahmen von Naturgesetzen dar, welche u.a. von Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei oder Isaac Newton bestätigt wurden.[6] Die Sicherheit dieser neuen Methoden sollte auch im Wirtschaftsleben ihren Eingang finden. Ökonomische Gesetze wurden als Naturgesetze verstanden, bis u.a. Karl Marx ins Bewusstsein rief, dass es sich hierbei um künstlich geschaffene Regeln handelt.[7] Die naturwissenschaftliche Methode der Deduktion wurde im ökonomischen Bereich übernommen, was allerdings zu gravierenden Fehlentscheidungen einerseits führte, andererseits aber die Entfremdung der beteiligten Menschen verstärkte. Max Otte weist in seinem Buch „Der Informationscrash“ daraufhin, dass rationale Entscheidungen im Führungsmanagement emotionale Bindungen an Mitmenschen auflöst und somit zwar die Effizienz des Unternehmens gesteigert werden kann, aber gleichzeitig auch viele „Verlierer“ produziert werden.[8]

Der „Mensch“ in der Wirtschaft

Begriffe wie etwa „Rationalität“ und „Effizienz“ als wichtigste Charaktermerkmale des „Homo oeconomicus“ haben bereits normativen Charakter erhalten. Wobei die Rationalität auf einer handlungsethischen Ebene verortet werden kann, die Effizienz hingegen durchaus politisch- und gesellschaftsethische Relevanz aufbringt. Wird von Effizienz gesprochen, versteht man darunter zumeist die Steigerung der Output-Rate der Produktionsprozesse. Wird die Rationalität des „Homo oeconomicus“ als verbindliche Messgröße für ökonomische Theorien zugrunde gelegt, läuft man damit Gefahr, allen anderen ökonomischen Theorien ihren Gültigkeitsanspruch abzuerkennen.

Um Wirtschaft zu verstehen, muss auch der Mensch als Hauptakteur der Ökonomie begriffen werden. Der Mensch ist zwar auf der einen Seite ein durchaus egoistisches Wesen, er bedarf auf der anderen Seite aber auch seine Mitmenschen. Der Grund des egoistischen Handelns muss im typischen Wesen des Menschen gesucht werden.[9] Davon zu unterscheiden ist der Eigennutz als ein Instrument der Weiterentwicklung der ökonomischen Sphäre und damit Garant für eine Neubelebung der Märkte. Eigennutz kann in einem wirtschaftlichen Rahmen als die Fähigkeit, sich in einem konkurrierenden Marktgeschehen erfolgreich zu positionieren verstanden werden. Damit ist die Grundbedingung für erfolgreiches Wirtschaften gelegt. Das „lasterhafte“ Verhalten des Menschen, sich bestimmten Neigungen und Trieben hinzugeben ist, solange bestimmte Grenzen nicht überschritten werden, für den Erhalt der konsumorientierten Gesellschaft unerlässlich. Das, was streng genommen gegen die Rationalität des „Homo oeconomicus“ spricht, führte zur Steigerung des Reichtums der westlichen Gesellschaft.[10] Das Bild des rational denkenden und handelnden „Homo oeconomicus“ kann durch das negative Menschenbild Thomas Hobbes erweitert werden. Dessen Meinung nach kann nur der Staat einen Kampf aller gegen alle verhindern.[11] Demnach sind daher staatliche Eingriffe Garantie für Sicherheit im Wirtschaftsleben.

Der moderne, in einer global vernetzten Wirtschaftswelt eingebundene Mensch, hat mit dem „ehrbaren“ Kaufmann von früher kaum mehr etwas gemein. Geschäftspartner/Innen werden zu funktionalen Mitteln degradiert, welche nach Belieben eingesetzt werden, um die eigenen Ziele erreichen zu können. Um es mit Immanuel Kant zu formulieren, die Mitglieder der Handelsbeziehungen instrumentalisieren ihre Geschäftspartner/Innen zu einem reinen Mittel, für den egoistischen Zweck. Die Menschen interessieren sich nur mehr für die funktionalen Beziehungen und nicht mehr für jene dahinter stehenden Menschen, welche diese Funktionen nach außen vertreten. Dieses Degradieren von Geschäftspartner/Innen auf ein Mittel wird in den ökonomischen Theorien gerne mit einem Aushandeln des Preises bezeichnet, mit denen beide Seiten für sich den maximalen Gewinn erzielen können. Das wird gemeinhin als die „Rationalität in der Ökonomie“ verstanden.[12] Mit Adam Smith setzte ein Wirtschaftsdenken ein, dass die Wirtschaftstreibenden auf ihre egoistische Gewinnoptimierung reduziert, was letztlich wieder ein Gewinn für die Gesellschaft sei. Das Verhalten des Einzelnen wird auch dadurch gerechtfertigt, dass andere sich ebenso verhalten.

„Leitfigur“ der Wirtschaft

Der „ehrbare Kaufmann“ in einem christlichen Weltbild handelte noch gemäß des Sündenkatalogs der christlichen Lehre. Das Herauslösen der Ökonomie aus dem religiösen Kontext hin zu einer „neuartigen Religion“ führte auch dazu, dass die Todsünden in diesem System angepasst wurden. Aus der Todsünde Habgier wurde eine leitende Triebkraft des wirtschaftenden Menschen.[13] Andere Todsünden allerdings, wie „Völlerei“ wurden weitgehend beibehalten und in das System integriert. Allerdings erfuhren auch solche Attribute eine Wandlung. Völlerei in einem neuen Verständnis kann als ein erhöhtes Konsumverhalten gedeutet werden, dass wiederum den Charakter des Verbotes verloren hat und vielmehr geboten ist. Der Wohlstand der Gesellschaft ist daher auch auf diese Laster der Menschen angewiesen. Der erhöhte Konsum führt zu erhöhten Einnahmen, was wiederum die Wirtschaft belebt und die Löhne steigert. Die Völlerei scheint daher ein wichtiges Element des kapitalistischen Menschenbildes zu sein. Die Wirtschaft wurde durch das Herauslösen aus der christlichen Lehre aus einer ethischen Verantwortung gelöst. Das ursprünglich als negativ empfundene Streben nach persönlicher Verbesserung des Status quo, wurde als eine positive Eigenschaft bewertet.

Wirtschaft ist auch Interaktion und Kommunikation mit anderen wirtschaftstreibenden Personen. Daraus ergibt sich das Schema, das ökonomische Probleme mindestens zwischen zwei Institutionen bestehen. Realistischer ist es aber, dass ökonomische Konflikte allerdings weit mehr als nur zwei Interessen betreffen, sondern besonders durch die Globalisierung der Ökonomie sich der Konflikt über viele Konfliktpartner/Innen verteilt. Das Modell des „Homo oeconomicus“ als ein theoretisches Konstrukt kann hier als Modell für das Ermitteln und Voraussagen bestimmte Verhaltensschemas der Konfliktpartner/Innen benutzt werden.

Das Modell des „Homo oeconomicus“ stellt weiterhin ein nützliches Instrument der Wirtschaftstreibenden sowie der Forschung dar, welches allerdings nicht unumstritten ist. Es kann als eine Fiktion mit mythischen und hypothetischen Elementen verstanden wird, dass mit real existierenden Eigenschaften verbunden wurde. Dieses Menschenbild ist bewusst schlicht und rational gestaltet und ist wenig explizit in der Verwendung. Vielmehr liegt es implizit jeglichen Wirtschaftstheorien zugrunde. Die Handlungen und Verhaltensmuster des „Homo oeconomicus“ sind nicht vollkommen befreit von moralischen Ansätzen, hinken aber in ethischer Hinsicht des gelebten Ethos anderer menschlicher Bezugsmodelle weit hinter her. Es bedarf daher eine Neuausrichtung des „Homo oeconomicus“ in Verbindung mit ethischen „Leitmotiven“ des friedlichen Zusammenlebens.

 

 

[1] Vgl. Christian E. W. Kremser, „Die Historizität des Home oeconomicus“, Seite 219.
[2] Vgl. Daniel Bell, „Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus“, hier entwickelt Bell seine These des Widerspruches.
[3] Vgl. Reinhard Pfriem, „Weltlosigkeit überwinden“, Seite 195.
[4] Vgl. Sigmund Freud, „Das Unbehagen in der Kultur“
[5] Vgl. Christian E. W. Kremser, „Die Historizität des Home oeconomicus“, Seite 221.
[6] Vgl. Christian E. W. Kremser, „Die Historizität des Home oeconomicus“, Seite 221/222.[7] Vgl. Karl Marx, „Das Kapital“
[8] Vgl. Max Otte, „Der Informationscrash
[9] Vgl. Christian E. W. Kremser, „Die Historizität des Home oeconomicus“, Seite 224
[10] Vgl. Christian E. W. Kremser, „Die Historizität des Home oeconomicus“, Seite 226.
[11] Vgl. Christian E. W. Kremser, „Die Historizität des Home oeconomicus“, Seite 224.
[12] Birger P. Priddat, „Die neue Bevölkerung der Ökonomie“, Seite 136.
[13] Vgl. Reinhard Pfriem, „Weltlosigkeit überwinden“, Seite 198/199.

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