Woran glaubt der Westen?

Woran glaubt der Westen?

Bevor ich mich der Fragen „Woran glaubt der Westen“ zuwende, bedarf der Begriff „Westen“ eine kurze Betrachtung. Dieser ist bereits problematisch und uneindeutig, die vielen heterogenen Strömungen, Lehren und Schulen im westlichen Kontext zu einer homogenen Einheit zusammenzufassen stellt eine scheinbar unmögliche Aufgabe dar. Ganz zu schweigen von den vielfältigen westlichen kulturellen Identitäten und Weltanschauungen. Und dennoch erlaube ich mir zusammenfassend vom Westen zu sprechen und damit eine weltanschauliche Abgrenzung zu verwenden.

Als Alleinstellungsmerkmal stellt der Westen die einzige Gesellschaftsform dar, welche ein starkes naturwissenschaftlich basiertes Lehrgebäude hervorgebracht hat. Die wissenschaftliche Logik, der philosophische Empirismus und der kritische Rationalismus haben die starken Ketten eines dogmatischen Glaubens gesprengt. Die Wiege dieser wissenschaftlichen Weltanschauung lässt sich bereits im antiken Griechenland finden. Viele antike-griechische Lehren fanden durch Übersetzungstätigkeiten Eingang in den islamischen Kulturraum und wurden zur Basis einer eigenständigen islamischen Philosophie. Aber im Gegensatz zur griechisch-antiken Welt, setzte sich sehr schnell die Orthodoxie durch und drängte eine rational-kritische Philosophie zurück. Die rationale und empirische Wissenschaft ist das Ergebnis der Aufklärung und des Rationalismus, welche aus den Lehren der griechischen Stoiker entwickelt wurde.

Aufklärung als Grundlage

Damit haben wir jetzt ein deutliches Charakteristikum gefunden, welches den Westen als ein zusammenhängendes weltanschauliches Konzept versteht. Der Begriff „Westen“ bezeichnet daher jene Gemeinschaften als Kulturraum, welche vorrangig von der griechisch-antiken Philosophie inspiriert wurde und auf dessen Grundlage moderne geistige Lehren entwickelt haben. Aufklärung, Rationalismus und Humanismus sind die Eckpfeiler der westlichen Gesellschaft. Somit haben wir eine klar umrissene Gestalt was wir unter westlicher Gesellschaft verstehen. Aus diesem Grund erlaube ich mir mit Recht, von einer deutlichen Abgrenzung vom Westen und vom islamischen Kulturraum zu sprechen.

Doch woran glaubt nun der Westen? Die Mehrheit der westlichen Bevölkerung ist hinsichtlich ihres Glaubens doch stark verunsichert. Nicht nur weil die Wissenschaft viele religiöse Annahmen gnadenlos zerstört hat und Gott von seinem Machtanspruch entthront wurde. Auch die Wissenschaft als neuer religiöser Glaube entartete schnell. Die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen, einer blinden Zerstörung der Umwelt, die Misshandlung von Tieren sind Auswüchse einer ethisch nicht vertretbaren Wissenschaftlichkeit. Liberale Ideen wurden durch eine asoziale Marktwirtschaft und Ausbeutung verraten und der gnadenlose Kapitalismus erobert immer weitere nicht kommerzielle Bereiche. Nicht nur der religiöse Glaube wurde mehrfach erschüttert, auch die vermeintliche rationale und humane Gesellschaftsordnung widerspricht in vielen Teilen ihrer eigenen Vision.

Die Schwäche des Westens?

Dieser Prozess der Erschütterung des Glaubens wird gerne als eine Schwäche des Westens verstanden. Besonders muslimische Migranten deuten die Glaubenskrise als eine soziale, ökonomische und weltanschauliche Schwäche. Als ein Verlust der eigenständigen Identität durch den Verlust des Glaubens und letztlich als eine fortschreitende Dekadenz einer moralisch unvollkommenen Gesellschaft. Der verlorene Glaube an Gott brachte den Verlust einer überlegenen Stärke mit sich. Nur wenige Gruppen in Europa vertreten bis heute einen scheinbar unverwüstlichen christlichen Glauben.

Doch diese Schwäche deute ich vielmehr als eine Stärke, die wohlgemerkt viele gefährliche Türen geöffnet hat. In den nun geöffneten Raum dringen nicht nur liberale Konzepte, sondern immer stärker auch extremistische und fundamentalistische Lehren. Prinzipiell ist die vermeintliche Schwäche der vielfältigen Lehrmeinungen und Glaubensformen eine der größten Stärken des Westens. Dieser auf säkularen Werten basierten gleichberechtigte pluralistische Glaubensformen und Weltanschauungen lässt sich in keiner anderen Gesellschaft finden. Dennoch gilt der implizite Imperativ, dass sich die westliche Gesellschaft von jenen irrationalen Glaubenslehren distanzieren muss, welche gesellschaftsgefährdende Züge annehmen. Dort muss die Gemeinschaft stark auftreten und gegebenenfalls diese Phänomene bekämpfen. Grundsätzlich aber sind im Sinne des Pluralismus auch irrationale Lehren und Meinungen als sozial harmloses Phänomen zu akzeptieren.

Pluralismus als Stärke

Wir haben viele gute und schlechte Lehren, Meinungen und Weltanschauungen nebeneinander, anstatt auf eine einheitliche Lehre fixiert zu sein. Ein solches pluralistisches System kann sich nur in einer starken Gemeinschaft entwickeln. Kaum eine andere Gesellschaftsform ist in der Lage so viele unterschiedliche Positionen zu vereinen. Werfen wir nur mal ein Blick in jene Staaten, in denen die islamische Norm zu einer Rechtsnorm tendiert. Hier leben Nicht-Muslime generell als Menschen zweiter Klasse. Im Westen hingegen genießen Muslime die gleichen Rechte wie hier lebende Christen, Juden oder Atheisten. Der Westen ist also stark genug, differente Meinungen und Lehren zu integrieren, ohne dass bestimmte Lehren unterdrückt werden müssen.

Die Einigung auf einen Glauben, auf eine Lehre wäre der Untergang des Westens. Das führt zu einer blinden Unterwerfung unter einer totalitären Lehre und zu einer fanatischen Glaubensausprägung. Nun beobachte ich aber seit einiger Zeit eben solche Tendenzen. Eine starke Bevorzugung einer bestimmten religiösen Lehre und Glaubensform widerspricht nicht nur den Prinzipien der Gleichwertigkeit, sondern stellt auch eine Stufe in der Unterwerfungslogik dar. In einer falsch gelebten Toleranz gegenüber den salafistischen Bewegungen, radikalen Imamen und religiös-fanatische Gruppen begibt sich der Westen in einer gefährliche Underdog-Position.

Aber woran glaubt nun der Westen? Im Westen glaubte man unerschütterlich an die Lehren des Christentums. Diese Glaubensform wurde durch die Wissenschaft aufgebrochen. Der massive Kampf der Aufklärung gegen die religiösen Dogmen entmachtete die Kirche und prägte den Westen bis heute nachhaltig. Wir können uns heute nicht mehr auf den christlichen Glauben, noch auf einen anderen religiösen Glauben berufen. Wir brauchen andere, säkulare Werte und Prinzipien. Und daran glaube ich, als Aufklärer und Rationalist.

Foto: https://pixabay.com/de/photos/landkarte-europa-karte-l%C3%A4nder-3473166/

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