Umfeld der Entstehung von religiösem Fundamentalismus  

Seit den 1980er Jahren lässt sich ein Prozess feststellen, welcher soziale und politische Ideologien und Fundamentalismen schwächte. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Beendigung des Kalten Krieges, wendete sich die Bevölkerung der östlichen Länder wieder verstärkter der Religiosität zu. Mit der gesellschaftlichen und politischen Veränderung in den ehemaligen Ostblockstaaten wuchsen das Vertrauen und die Anforderungen an die Religionen, während gleichzeitig das Vertrauen in staatliche Systeme stark abnahm. Zwar hat sich das grundlegende Bild der Religiosität regional verändert, doch es lässt sich allgemein feststellen, dass die Religiosität in beinahe allen Bereichen angewachsen ist.  

Auch der Westen erlebt eine Renaissance der Religiosität, vor allem durch die vielen Systemkrisen des materiellen Gesellschaftsideals kommt es zu einem erneuten Aufschwung von spirituellen Kräften. Die tiefe, individuelle Beziehung zu Gott bleibt aber weiterhin aufgebrochen und kann nur mehr in kleineren Gruppen identifiziert werden. Die Religiosität hat sich daher von der Kirche als eine dominante Stelle zu einer individuellen Markt-Religiosität mit selektiven spirituellen Inhalten verschoben.   

Der ökonomische Hintergrund einer Gesellschaft spielt bei der Herausbildung von religiösen Fundamentalisten eine bedeutende Rolle. Die Kolonialzeit und der Imperialismus haben nicht den versprochenen Reichtum in die arabischen Länder gebracht, sondern allenfalls nur eine kleine Gruppe der Oberschicht begünstigt. Für die Mehrheit der Bevölkerung wurde der Lebensstandard kaum oder überhaupt nicht verbessert. Die Herausbildung des Fundamentalismus kann in diesem Zusammenhang auch als ein Versuch verstanden werden, Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft herzustellen. Eine religiöse Entwicklung, welche bestrebt ist, eine ausgleichende Gerechtigkeit für benachteiligte Bevölkerungsschichten zu erreichen. Dabei muss dieser religiös begründete Anspruch nicht regional und lokal begrenzt sein, sondern kann sich auf die ganze Welt beziehen. Unter dieser Sichtweise ist der Fundamentalismus eine sozial-ökonomische Strömung benachteiligter Schichten.  

Die subjektiv empfundene Rückständigkeit vieler arabischer Länder führt zum Gefühl der Demütigung der Muslimen. Auch diese Situation begünstigt ein Sympathisieren mit jenen fundamentalistischen Gruppen, welche sich gegen die herrschenden Einflüsse erheben. Die asymmetrisch verteilten Macht- und Eigentumsverhältnisse führen zu Frustration und Wut in der Bevölkerung, welche sich oftmals in radikal-gewaltbereiten Gruppen in Form von reaktionären Gegenbewegungen entlädt.

Kulturen sind ein dynamischer sich ständiger entwickelndes Systeme, welche sich in Konkurrenz mit anderen Kulturen befinden. Gerade durch die Globalisierung und die Möglichkeit, der medialen Verbreitung von Informationen in Echtzeit, können die gesellschaftlichen Zustände der unterschiedlichen Kulturen jederzeit gegenüber anderen Kulturen bemessen, verrechnet und verglichen werden. Die Integration von fremden Elementen aus einem anderen Kulturkreis kann dabei zum Gefühl des Verlustes der kollektiven Identität führen. Um diese Entwicklung aufhalten zu können, wird sich an fundamentalen Ankerpunkten orientiert, wie es etwa der „IS“ macht, der die Zeit um Mohammed idealisiert.  

Das religiöse Streben nach Überlegenheit der eigenen Kultur kompensiert in dieser Denkweise die Unterlegenheit der arabischen und islamischen Staaten. Besonders in ökonomischer, technischer und wissenschaftlicher, aber auch sozialer und gesellschaftlicher Sichtweise besteht ein Aufholbedarf islamischer Staaten im Vergleich zu westlichen Gesellschaften. Die Religion wird hier zu einem Instrument des gesellschaftlichen Wandels. Die Exportprodukte wie etwa Demokratie und Kapitalismus werden in den arabischen Ländern aus kulturellen Gründen, aber auch als Angst um den Verlust der eigenen Identität weitgehend abgelehnt.

Die „Freiheit“ des Westens wirkt auf die arabische Welt mehrheitlich als areligiöses Verhalten, weil die normativen Gesetze nicht von einer religiösen Grundlage aus formuliert wurden, sondern „willkürlich“ gesetzte Regelungen durch kooperative Zusammenarbeit sind. Willkürlich meint hier in dem Sinne, dass die normativen Gesetze nicht auf einer metaphysischen Instanz beruht, sondern vor allem das Ergebnis eines rational-ethischen Diskurses darstellt. Die implizite Fragestellung dieser unterschiedlichen Konzeption der Begründung von normativen Gesetzen lässt sich aus einer westlichen Sichtweise herausformuliert, ob ein moralisch-rational begründetes Gesetz mit der islamischen Vorstellung sich vereinbaren lässt. Eine umgekehrte Fragestellung, ob die islamisch-religiös legitimierte Gesetzen einen Ansatz auch für die westliche Welt darstelle, muss mit dem Hinweis, dass die westliche Welt ihre moralische höchste Instanz aus einem metaphysischen Rahmen herausgelöst hat, zurückgewiesen werden.

Der islamische Fundamentalismus entwickelte seine Stärke vor allem in der Auseinandersetzung mit den Kolonialmächten des 19. Jahrhundert. Dabei wurde die Religion als Instrument und Sprachrohr sowie zur Bildung der kulturellen und politischen Identität der arabischen Staaten genutzt. Religion übernahm hier nicht nur eine kulturelle und soziale Funktion, sondern bildete auch den Mittelpunkt der politischen Bildung als eine eigenständige Identität, welche sich klar gegenüber den Kolonialmächten abgrenzte. Der Islam als eine vereinigende Religion ist das gesellschaftliche Instrument zur Mobilisierung der Massen gegen die Kolonialmächte. Bereits 1798 wurden durch die Eroberungen Napoleons die arabischen Länder die Überlegenheit der europäischen Kultur im Bereich der Naturwissenschaften, der Ökonomie und der Technik durch den kriegerischen Kontakt mit den zukünftigen Kolonialherren verdeutlicht. 

Mit dem 18. Jahrhundert beginnt der Prozess der Kolonialzeit in den arabischen Ländern. Sämtliche zu dieser Zeit entstehenden politischen, ökonomischen religiösen und kulturellen Phänomene stehen daher eng mit der westlichen Übermacht in Verbindung. Die Zeit der Kolonialmächte führte zu einer Auflösung bestehender, kleinere Strukturen. Die Mehrheit der Bevölkerung sehnte sich nach der festen Orientierung in den ehemaligen Kleingruppen und spürte am deutlichsten die Nachteile des westlichen Einflusses. Diese Entwicklung führte zu einer Entwurzelung der traditionellen Begebenheiten und zur Auflösung sicherer Ankerpunkte. Sie fühlten sich als Fremde in ihrem eigenen Territorium. Das führte in weiterer Folge zu der Konsequenz, dass eine Erlösung aus diesem Zustand nicht von außen heraus, besonders nicht durch den Westen ermöglicht werden konnte, sondern nur durch eine Rückbesinnung auf innere Strukturen und Traditionen. Der Rückgriff auf die islamische Tradition, schien daher ein logischer Entwicklungsschritt zu sein.

Die nun folgende Epoche ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass in der arabischen Welt überall Bewegungen und Strömungen entstanden, welche sich einerseits gegen modernisierte politische und soziale Strukturen wandten und sich andererseits gegen die Dominanz des westlichen Einflusses richtete. Aus dem Widerspruch und der Enttäuschung der Entwicklungen durch den Westen entwickelte sich ein gesellschaftliches Konfliktpotential. Durch die Modernisierungsprozesse und Einflüsse des Westens, zerbrachen ursprüngliche Strukturen, was auch zu teilweisem Zusammenbruch der Versorgungsmöglichkeiten führte. Aus dieser Unsicherheit und Unstabilität der neuen Strukturen, konnten sich erst die radikalen Tendenzen entwickeln. 

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