Strukturen fundamentalistischer Lehren

Gibt es ein wiederkehrendes Muster?

In der allgemeinen Debatte ist immer wieder von einem Fundamentalismus oder fundamentalistische Lehre die Rede. Was genau damit gemeint ist, bleibt generell sehr offen. Prinzipiell wird darunter eine strenge, meist wortwörtliche Auslegung verstanden. Besonders hinsichtlich der „islamischen Herausforderungen“ wird eine fundamentalistische Interpretation offensichtlich häufiger verwendet. Lassen sich aber allgemeine Merkmale formulieren, um mögliche fundamentalistische Merkmale frühzeitig identifizieren zu können?

Tatsächlich lassen sich, unabhängig der inhaltlichen Position, immer wiederkehrende Strukturen identifizieren. Diese Merkmale sind charakteristisch für fundamentalistische Gruppierungen und Ausdruck einer bestimmten Geisteshaltung. Diese Strukturen können, gerade weil es zu einer radikalen Reduktion und Vereinfachung kommt, zu einem Katalysator für steigende Spannungen und Konflikte werden. Herrschende Werte und Normen werden dabei generell unreflektiert übernommen, ohne dass eine Adaption an den veränderten Verhältnissen stattfindet. Es kommt zu keinem Diskurs über die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten, sondern vielmehr wird ein dogmatisch strenges Glaubenskonstrukt aus der wörtlichen Auslegung aufgebaut. Im Folgenden soll diese kleine Übersicht über typische Merkmale fundamentalistischer Lehren Aufschluss über wiederkehrende Motive bringen. Diese kurze Zusammenstellung bildet nur einen kurzen Abriss der unterschiedlichen Charaktere auf.

Typische Merkmale

Jedes fundamentalistische System beansprucht für sich, die absolute Wahrheitserkenntnis zu besitzen. Damit einhergehend ist auch automatisch die Abwertung von Wahrheitsansprüchen anderen Systemen, welche dann als falscher Glauben charakterisiert werden Das erklärt einerseits auch die intoleranten Einstellungen gegenüber anderen Meinungen, aber andererseits wird damit auch das Bedürfnis der Missionierung begründet. Dieser absolute Wahrheitsanspruch führt dazu, dass ein Bedürfnis vorherrscht, Andersgläubige oder Ungläubige auf den „richtigen“ Weg zu bringen. Gerade aus dem Umstand der Intoleranz heraus entwickeln sich immer wieder neue Konflikte. Die aktuelle Konfliktlinie umfasst einerseits die muslimische Welt und andererseits die westlichen säkularen Staaten.[1]

Fundamentalistische Bewegungen greifen vor allem moderne Veränderungen auf und setzen deren Unbeständigkeit ein sicheres und stabiles, wahres Fundament entgegen. Dieses Fundament besteht aus fixen Werten, Normen und Lehren, welche als ein Ankerpunkt verstanden werden. Den Unsicherheiten modernen Lebens wird somit ein absolutes Fundament gesetzt werden. Eine solche Stabilität bietet nicht nur Halt, sondern ermöglicht auch die schnelle Positionierung der Anhänger. Damit wird die fraglose Sicherheit, welche seit dem Mittelalter in Europa immer mehr unter dem Druck geriet, wieder erreicht. Grundlegend ist das Verständnis des romantisierten Rückgriffs auf verklärte idealisierte Zustände und Zeiten.

Der Prozess der Politisierung setzte vor allem ab den 1970er Jahren in den islamischen Ländern verstärkt ein. Mit der iranischen Revolution und das Ausrufen des islamischen Gottesstaates unter Ayatollah Khomeini im Iran, vollzog sich endgültig die Wende zum politisierten religiösen Fundamentalismus in den arabischen Bewegungen. Damit tritt der islamische Fundamentalismus nicht mehr nur als eine Glaubensbewegung auf die Weltbühne, sondern dringt auch tief in die politische Dimension ein. Es kommt zu einer starken Vermengung religiöser mit politischen Motiven und damit zu einer erneuten Symbiose von Religion und Politik.

Das psychologische Moment des religiösen Fundamentalismus stellt ein in der Psychologie als „dogmatisches Verhalten“ beschriebenes Schema dar. Hier werden Menschen zusammenfasst, die vor allem geistig in der Vergangenheit leben und sich gegen neue Einflüsse wehren. Anhänger fundamentalistischen Lehren sind in solch geschlossenen Rahmenbedingungen oftmals intolerant gegenüber Andersdenkende und schließen sich bewusst oder unbewusst gegenüber der Mehrheit aus. Es sind emotional negativ eingestellte Personen, welche die anderen Überzeugungen für absolut falsch einstufen und daher grundsätzlich alle abweichenden Meinungen ablehnen. Damit entstehen starke Separationsprozesse in der Gesellschaft, welche nicht nur tiefe Spannungen erzeugen können, sondern auch zu einem sozialen Brandsatz werden können.

Der Rückgriff auf die gelebte traditionelle Praxis erfolgt bei Fundamentalisten allerdings nur partiell und selektiv. Die ausgewählten Elemente werden zumeist mit als sinnvoll akzeptierten modernen Elementen verbunden. So entsteht der Fundamentalismus als eine moderne anti-moderne Bewegung und Geisteshaltung. Diese ideologischen Lehren bekämpfen die Moderne mit den Instrumenten der Moderne und füllen diese mit tradierten Inhalten aus.

Durch das Aufleben der Tradition als identitäres Merkmal einer Gruppe wird dem Auflösungsprozess der kollektiven Identität der Moderne, ein starkes Instrument entgegengesetzt. Die dabei reduzierende Wahrnehmungsschemata auf ein „ja“ oder „nein“, „gut“ oder „böse“ vereinfachen die Orientierung in den sozial-gesellschaftlichen Prozessen. Die Umwelt wird einfach erklärt und verstanden, was die Effektivität der Verhaltensmuster deutlich erhöht.

Diese unvollständige Darstellung typischer Merkmale fundamentalistischer Lebensmotive verdeutlich, die geistige Herausforderung in der modernen, liberalen und offenen Gesellschaft. Wie man dem Fundamentalismus begegnen kann, habe ich bereits kurz skizziert. Es wird aber eine große gesellschaftliche Herausforderung sein, fundamentalistische Lehren frühzeitig zu erkennen und zu entschärfen.

[1] Vgl. Leonardo Boff, „Fundamentalismus und Terror“, Seite 20ff

Foto: @ john peter /Pixabay https://bit.ly/3vM90gm

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