Sheikh Ahmad Ibn Taymiyyah (1263 – 1328) – Grundlage des modernen Extremismus

Beten, Islam, Gelehrte
@Mohamed Hassan /Pixabay

Er ist mit Sicherheit einer der am häufigsten in der Jihad-Literatur erwähnte politische Denker aus dem Mittelalter. Unter dem Druck der Eroberungen der islamischen Länder durch die Mongolen, entwickelte er eine Strategie, wie sich die Muslime gegen nominell islamische Herrscher zur Wehr setzen konnten. Sein Fatwa erlaubte es den Muslimen, ihre mongolischen Herrscher, die zwar den islamischen Glauben annahmen, aber weiterhin an vielen nicht-islamischen Traditionen festhielten, zu bekämpfen und zu töten. Damit konnte das generelle Tötungsverbot umgangen werden.

Viele spätere Theoretiker der Jihad-Ideologie griffen immer wieder seine Konzeption auf und passten diese an den neuen Kontext an.[1] Seine Lehren griff er vor allem auf der Doktrin Ibn Hanbal (780-855) zurück, der eine Buchstabentreue Lesart des Korans forderte. Eine folgenschwere Forderung, die bis heute an Aktualität nichts verloren hat. Er ist daher auch jener fundamentalistische Denker, auf denen Traditionalisten und Jihadisten bis heute berufen und er ist auch der Gründer einer der vier Rechtsschulen, welche den Ruf genießt, besonders streng und traditionell zu entscheiden.

Gottes Strafe für den Abfall vom wahren Glauben

Kommen wir aber wieder zurück zum mittelalterlichen Denker Taymiyyah, nach dessen Verständnis der Überfall der Mongolen auf die islamischen Ländereien die gerechte Strafe Gottes für den fortschreitenden Abfall der Muslime vom wahren Kern des Glaubens war. Er war es auch, der den Angriffskrieg als obligatorisch erklärte, um den islamischen Glauben zu verbreiten. Dabei begriff er die Missionierung als eine „koranische Pflicht“, also die Verbreitung der islamischen Lehre unter Nicht-Muslimen sowohl mit dem Wort als auch mit dem Schwert. Obwohl er mit seiner Ideologie immer wieder Widerstand bei der Obrigkeit erzeugte und er letztlich auch mehrmals inhaftiert wurde und im Gefängnis starb, lebt seine radikale Auslegung des Jihads als eine private Angelegenheit jedes Muslims und die Erklärung nominell muslimischer Herrscher als Abtrünnige bis heute in der jihadistischen Szene weiter.

Sowohl die Missionierungsarbeit mit dem Schwert lässt sich besonders bei dem späteren Muslimbruder wiederentdecken als auch die Idee der individuellen Pflicht des Jihads wurde von Osama Bin Laden und anderen modernen jihadistischen Ideologen gefordert.

Die religiöse Gemeinschaft als politische Einheit

Das Kalifat, das nach Mohammed nachfolgende politische Regierungssystem, hat nach Taymiyya keine religiöse Legitimation im Koran.[2] Der Nachfolger, der Kalif, ist daher nicht zwangsweise eine von Allah legitimierte und eingesetzte Gewalt. Die ersten Kalifen wurden auch von den Gläubigen gewählt und konnten somit keineswegs sicher sein, dass diese von Allah rechtmäßig beauftragt wurden. Auch hier finden wir kritische Anmerkungen zu einer politischen Herrschaft ohne direkte religiöse Legitimation. Politische Konstrukte sind das Resultat gesellschaftlicher Prozesse.

Die politische Ordnung Taymiyyas ist unter dem Kontext der Machtlosigkeit der herrschenden Kalifen zu verstehen, jegliches Gewaltmonopol lag damals beim weltlichen Sultan. Es wundert daher kaum, dass er sich in seiner politischen Theorie nicht so sehr auf das Kalifat bezog, sondern insbesondere auf die „umma“, dessen einheitliches Ideal einer gemeinsamen religiösen Gemeinschaft allerdings in weiter Ferne war.[3] Die religiöse „umma“ erhält in dem jihadistischen Weltbild eine neue Bedeutung

Die heilige Schrift als absolute Norm

Durch die Lehren  Taymiyya wurden in der Hauptströmung des Islams, dem Sunnitentum, vor allem eine Enthistorisierung des Islams verstärkt und eine Reduktion auf die heiligen Texte als moralische Verhaltensnorm vorgenommen.[4] Durch seine radikale Ansicht des Primats der heiligen Schrift und Befolgung der Gebote des Korans als Grundlage der gesellschaftlichen Zusammenlebens und als Garant für die Frömmigkeit, entwickelte sich von seiner Lehre ausgehend eine moralische Norm, welche den späteren extremistischen Fundamentalismus theologisch erst ermöglichte. Nur durch die alleinige Autorität der koranischen Offenbarung und der heiligen Texte als absolute Wahrheitsträger, wurde eine Argumentationskette ermöglicht, die sich durch Berufung auf die Buchstabentreue legitimierte. Eine philosophisch-kritische Auseinandersetzung der Inhalte fand nicht mehr statt. Diese religiöse Eindimensionalität setzt sich bis heute in den unterschiedlichsten Ausprägungen fort und entwickelt immer stärker ihren sozialen Sprengsatz.

 

[1] Vgl. Gilles Kepel, Das Schwarzbuch des Dschihads, Seite 184
[2] Vgl. Hafez, „Islamisch-politische Denker“, Seite 73
[3] Vgl. Hafez, „Islamisch-politische Denker“, Seite 75
[4] Vgl. Geert Hendrich, Arabisch-islamische Philosophie, Seite 125

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