Muhammad Rashid Rida – ein moderner Reformer?

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Der Gelehrte Muhammad Rashid Rida (1865-1935) wurde in einem Dorf bei Tripolis im Libanon geboren. Er studierte unter dem aufgeklärten und dem europäischen Gedankengut zugeneigten Religionslehrer Husain al-Jist in Tripolis. Somit kam er bereits früh mit liberalen Lehren in Kontakt. Rashid Rida gründete die Zeitschrift „al-Manar“, welche noch fünf Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurde und zu einem wichtigen Organ der Verbreitung von Reformismus und Modernismus im Islam wurde.[1] Bildung war für ihn sehr wichtig, er gründete die Schule „Dar ad-da wa wa-l-irshad“ (Haus der Mission und Leitung) in der bis zur Schließung vor dem Ersten Weltkrieg viele Muslime aus der ganzen Welt unterrichtet wurden.

Prophetentradition oder liberales Denken?

Auch wenn er gerne als Reformer geführt wird, überwiegt doch immer wieder das traditionelle Denken. In seinem Werk „Das Kalifat oder Groß-Imamat“, das 1923 kurz nach der Abschaffung das Sultanats in der Türkei erschien, formulierte er die Verbindlichkeit eines Kalifats. Die Basis dieser Vorstellung stellen die Prophetentradition und die klassische politische Theorie dar. Er unterschied dabei ein ideales Kalifat von den real historischen Kalifaten. Auch die Bildung und der jeweilige Charakter des Kalifen war für ihn wichtig. Er kam bei seinen Analysen zu der ernüchternden Erkenntnis, dass es unter den realen Umständen unmöglich ist, dieses ideale Kalifat zu realisieren.[2] Dass die bisherigen Kalifen immer Probleme und interne Streitigkeiten hätten und auch oftmals durch Ermordung ihres Vorgängers an die Macht kamen, erklärte er dadurch, dass die herrschenden Kalifen nicht für die große Aufgabe geeignet waren. Denn den richtigen Kalifen hätte man bedingungslos gefolgt, die Alternative ist aber das gesellschaftliche Chaos.[3]

Souverän des Volkes?

Für sein Verständnis besitzt das Volk dann die Souveränität, wenn das Prinzip der Konsultation („shura“) eingeführt wird und ein klassisches Widerstandsrecht des Volkes gegen ungerechte Herrscher implementiert worden ist. Den Religionsgelehrten (ulama) räumte er weitgehendes Recht ein, deren tragende Rolle sei ausreichender Garant als natürliche Repräsentanten des Volkes. Durch die Religionsgelehrten wird auch die Demokratie realisiert und umgesetzt, wenn auch in einem deutlich religiös begrenzten Rahmen. Die Gesetzgebung fällt bei Rashid Rida, anders als bei den Islamisten, in den Bereich der Herrschenden. Die Herrscher befinden sich im Bereich der Entscheider (ahl al-hall wa-l-aqd).[4] Allerdings bleiben seine Ausführungen bezüglich der konkreten Umsetzung diffus. Fest steht aber, dass die Scharia eine elementare und tragende Rolle spielt. Nämlich in jenen Bereichen, wo der Koran eindeutig ist. Für alle anderen Situationen bedarf es einer Einzelfallprüfung auf Basis der Prophetentradition. Hier können auch die Auslegungen der vier Rechtsschulen herangezogen werden, dessen Rechtsgutachten willkürlich akzeptiert werden dürfen.[5]

Der Islam steht über dem Christentum

Er schätzte das Christentum als weit weniger wertvoll als den Islam ein, wobei er das Christentum mit Europa gleichsetzte und einige Suren über die positiven Aspekte Jesus umgedeutet oder ignoriert wurden.[6] Diese Ablehnung war schon früher erkennbar, vor allem aus der Ideologie heraus, dass der Islam dem Christentum weitüberlegen war. Nach seiner Einschätzung habe das Christentum sämtliches Wissen aus dem Islam übernommen. Damit bildet der Islam, was auch heute noch eine weit verbreitete Meinung ist, die Quelle sämtlichen Wissens.

Seine Haltung ist vor allem traditionell-reformistisch als modernistisch einzuschätzen. Er lehnte weitgehende Einflüsse der westlichen Welt kategorisch ab. Vielmehr versuchte er dem Islam dadurch zu reformieren, dass er die traditionellen Elemente aufleben lassen wollte. Das führte dazu, dass der Islam weiter in geistige Ketten gelegt wurde.

Wie es gelingen kann, diese Ketten zu sprengen und neue moderne Ansätze zu formulieren, habe ich in meinem aktuellen Buch (Jihad-Eine Ideologie des Todes) angerissen. Eine Möglichkeit der Formulierung philosophischer Kritik an religiösen Lebenswelten habe ich bereits kurz dargestellt.

[1] Vgl. Tilman Seidensticker, Islamismus, Seite 42
[2] Vgl. Tilman Seidensticker, Islamismus, Seite 43
[3] Vgl. Tilman Seidensticker, Islamismus, Seite 43
[4] Vgl. Tilman Seidensticker, Islamismus, Seite 43
[5] Vgl. Tilman Seidensticker, Islamismus, Seite 43
[6] Vgl. Tilman Seidensticker, Islamismus, Seite 44

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