Legte der Reformislam den Grundstein für den modernen Islamismus?

Reformislam und Islamismus

Die ökonomische, soziale und gesellschaftliche Fortschrittlichkeit der westlichen Welt ließ im 19. Jahrhundert viele islamische Gelehrte und Denker an den religiösen Dogmen zweifeln. Lag gar ein Grund der Rückständigkeit der islamischen Welt in dem traditionellen Zugang zur Religion? In Anbetracht dem immer säkularer werdenden Westen war die Annahme scheinbar klar.

In Europa machte sich zeitgleich ein arrogantes Überlegenheitsgefühl breit. Denker wie der französische Philosoph Ernest Renan (gest. 1892) vertraten die Meinung, dass die Mehrheit der Muslime intellektuell gar nicht in der Lage wären einen Fortschrittsgedanken im westlichen Sinne zu entwickeln. Die zu starke Verwurzelung in den religiösen Lebenswelten hindere die Muslime daran, eine moderne Gesellschaftsform zu entwickeln. Aus westlicher Sichtweise eine logische Erkenntnis, hatte doch der lange Säkularisierungskampf erst einen bis dahin unerkannten Rahmen fortschrittlichen Denkens ermöglicht.

Der blinde Glaube verhinderte eine Öffnung

Die Gründungsväter des Reformislams gingen von der gemeinsamen Annahme aus, dass die Rückständigkeit in einem verkrusteten und starren Islamverständnis zu finden sei. Der blinde Glaube (taqlīd) der Autoritätsgelehrten verhindere Prozesse der Modernisierungen und unterdrücke kreative Lösungsansätze. Im juristischen Bereich hatte die archaische Rechtsordnung (Scharia) das gesellschaftliche Zusammenleben stark auf theologische Argumentationen heruntergebrochen. Das traditionelle islamische Normensystem wurde von den Reformgelehrten als eine überholte und nicht flexible Rechtsprechung verstanden. Die Gelehrten plädierten für nachhaltige Reformen und eine innerliche Neuorientierung der gesellschaftlichen Werteordnung.

Die Lösung fanden die Gründungsväter des Reformislams in den tradierten Quellen. Anstatt auf eine stark säkulare Position zu setzen, verharrten die Reformmuslime weiterhin in ihrer religiösen Blase. Es klingt paradox, aber man suchte die Lösung in jenen Lehren, welche die Probleme mit verursacht hatten. Die Intellektuellen wollten an die Lehren und gesellschafts-politischen Situation der Altvorderen anknüpfen. Als die Altvorderen“ werden generell die nachfolgenden Kalifen nach dem Tod Mohammeds mit gemeint. Diese waren noch stark im Einfluss Mohammeds gefangen und hatten teilweise noch direkten Kontakt mit dem Propheten gehabt. Sie kannten also den vermeintlich wahren und authentischen Islam, so wie ihn Mohammed predigte und lebte. Ab dem dritten und spätestens mit dem vierten Kalifen nach Mohammed wurde die Distanz immer größer und der wahre Islam verlor immer mehr an Bedeutung. Der gelebte Islam entfernte sich nach dem späteren Kritiker immer mehr vom idealen und wahren Islamverständnis.

Die zentralen Inhalte

Zwei zentrale Fragen bestimmten die geistigen Lehren der Reformmuslime: 1) Wie kam es zum Niedergang der islamischen Kultur und 2) Wie sollte man mit der arroganten Überlegenheit des Westens umgehen? Bis heute durchziehen diese zwei Fragestellung das Denken reformwilliger Gelehrte. Gegenüber dem Westen vertraten die Reformmuslime eine eher tolerante Sichtweise. Sie betrachteten Europa nicht mehr als das reine Feindbild und das Sinnbild allen Übels, sondern schlugen deutlich versöhnlicher Töne an. Sie wiesen konsequent die tradierte Herabsetzung des Westens zurück und anerkannten die Leistungen der westlichen Kultur. Allerdings vertraten sie die Meinung, dass grundsätzlich dem Westen weder aus ethischen noch aus intellektuellen Gründen die gelebte Vormachtstellung zu komme.

Die islamische Kultur, so der Tenor, müsse sich ihrer Stärke erinnern. Hier setzten die Reformmuslime mit einer starken islamzentrischen Lehre an. Die westliche Annahme, der islamische Kulturbereich sei aufgrund seiner starken Verknüpfung in den religiösen Lebenswelten gar nicht in der Lage, ein fortschrittliches Weltbild zu entwickeln, wurde von den Reformmuslimen scharf zurückgewiesen. Generell, so wurde argumentiert, sind die geistigen und wissenschaftlichen Entwicklungen in Europa lediglich weiterformulierte Erkenntnisse, welche die Muslime schon viel länger bekannt waren. Nicht Europa sei daher das fortschrittliche kulturelle Gebiet, sondern die islamische Welt. Welche sich allerdings auf die göttliche Autorität wieder besonnen habe und so den moralischen Verfall der eigenen Gesellschaft aufhalten kann. Erst durch die Wiederentdeckung der wahren Religiosität soll der gesellschaftliche Verfall, den man im Westen ortete, aufgehalten werden.

Aus dem Reformislam wurde eine Widerstandsideologie

Konnten die Reformmuslime anfänglich noch eine Begeisterung für den Westen empfinden, wich diese Zuneigung mit der Zunahme des westlichen Imperialismus in den islamischen Ländern. Durch die massive Besetzung und die immer offensichtlicher werdende Abhängigkeit zu den europäischen Kolonialmächten, organisierte sich eine geistige Widerstandsbewegung. Aus der eher zustimmenden Haltung wurde immer mehr eine feindliche Einstellung gegenüber allen westlichen Einflüssen. Immer stärker wandten sich die Muslime vom Westen ab, lediglich an einigen Kenntnisse und Methoden, mit denen man sich gegen den westlichen Imperialismus zur Wehr setzen konnte, war man interessiert. Der Westen sollte, so die Meinung der enttäuschten Reformmuslime, mit den eigenen Mitteln geschlagen und aus dem islamischen Kulturkreis vertrieben werden.

Die Wiederherstellung der islamischen gesellschaftlichen Einheit (Umma) wurde zu einem ehrgeizigen Projekt. Diese Vision war mit Sicherheit eines der Hauptziele der Reformmuslime und wurde schnell zu einer utopischen Hoffnung. Durch eine starke islamische Umma erhofften sich die Muslime dem imperialistischen Westen einen gesellschaftspolitisch starken muslimischen Block gegenüberzustellen. Aus diesem Grund wurden in den islamischen Ländern viele unterschiedliche Ideen des Panislamismus diskutiert und gefördert, um die Europäer erfolgreich zurückzudrängen. Auch die Unterschiede zwischen dem islamischen und dem christlichen Glauben wurden stärker akzentuiert, um sich deutlich abgrenzen zu können. Die Wiederbelebung des Jihads, der oft als ein „Heiliger Krieg“ verstanden wird, wurde in den geistigen Lehren der Reformmuslime wieder populär.

Was übrig blieb

Die geistigen Ansätze eines al-­Afghānī, Rashid Rida oder Muḥammad ʿAbduh waren für viele der nachfolgenden Generationen befruchtend und brachten eine neue intellektuelle Gelehrtenschicht heraus. Viele der Gelehrten, die sich auf die Gründungsväter beriefen, transformierten die Lehren in die Moderne und entwickelten eine eigenständige geistige Haltung. Allerdings war von der Dynamik und der inhaltlichen Geschlossenheit der früheren Reformmuslime kaum noch was zu spüren. Auch die Orthodoxie griff die Lehren begeistert auf und entwickelte die Ansätze weiter.

Grundlegend wurde die Annahme, dass sich die Muslime vom wahren Glauben entfernt hatte und nur durch eine Wiederbelebung der religiösen Lehren und der wahren Frömmigkeit die Stärke der islamischen Welt zurückkehren würde. Diese mythische Denkfigur wurde aus dem Reformislam entlehnt und sollte zu einem politischen Programm werden. Ohne es zu wollen, begünstigte der Reformislam die Entstehung einer neuen radikalen geistigen Lehre, aus dem eine hochpolitische Ideologie wurde. Die Auswirkungen sind weltweit spürbar. In meinem Buch skizziere ich die fanatischen Denkfiguren dieser hochgefährlichen Lehre.

Please follow and like us:

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.