Kritik des Islams

22. März 2020 0 Von Markus Hahn

Die Botschaft des Korans wurde in Phasen und oftmals als eine Reaktion auf damalige gesellschaftliche Ereignisse offenbart. Damit ist der Koran kein abgeschlossenes Werk, sondern vor allem eine historische und in bestimmte soziale Kontexte eingebettet Dialogform zwischen Mohammed und seinen Anhängern. Mit anderen Worten, viele Alltagsprobleme flossen in den Koran ein.[1] Solche Auseinandersetzungen können aber nicht zeitlos sein, sondern sind immer an den Kontext gebunden. Fällt dieser Kontext weg, dann verlieren auch diese Suren an Bedeutung.

Auch Mohammed war in erster Linie nur ein Mensch, der Schwächen und Fehler aufwies. Die Offenbarung Gottes verbreitete Mohammed mit seinen Worten, mit seinen Vorstellungen, mit seinen inneren Bildern und Analogien. Damit kann der Koran nicht nur reines Gotteswort sein, sondern höchstens eine von Gott inspirierte Botschaft, die in den Worten Mohammeds verbreitet wurde. Die Annahme, dass der Koran das reine Wort Gotte sei, kann daher nicht aufrechterhalten werden. Es muss daher unterschieden werden, welche Suren Gottes Worte sein können und welche Suren eindeutig die Aussagen Mohammeds sind. Gott ist perfekt, ihm kommen alle absoluten Attribute zu, Widersprüche, Fehler und regionale Merkmale wie Stämme, Personen oder Gebiete, sind Teil der sprachlichen Ausdrücke des Propheten. Gott kann sich per Definition nicht irren, er ist die reine Perfektion.

Die „verschlüsselte Botschaft Gottes“ verliert immer mehr an Bedeutung, übrig bleibt der ethisch universelle Code. Dem Vorwurf, dass bei einer solchen Dekonstruktion nicht mehr viel von der Religion übrig bleibt, ist entgegenzubringen, dass die Religion des Islams auf eine individuelle Beziehung zwischen Gott und den Gläubigen aufbaut. Damit ist die Interpretationsaufgabe in die Hände aller Gläubigen gelegt. Was aber einem solchen Dekonstruktionswerk zum Opfer fällt, ist die politisch-ideologisierte Religion. Durch einen solchen Prozess wird der politischen Dimension die Kraft genommen und der Glaube als Individualität zu Gott neu gestärkt.

Kritische Religionskritik

Theologen und Gelehrte taten sich anfangs sehr schwer mit einer offenen und direkten Kritik am „IS“. Zwar betonte man sich allerorts darauf hinzuweisen, dass das Vorgehen des „IS“ nicht der Islam sei, aber eine tiefgehende oder gar historisch-theologische Kritik blieb lange aus. Das wundert auch kaum, da das Verhalten des „IS“ doch stark an das Vorgehen Mohammeds erinnerte. In der Tat gibt es ideell und auch auf der Handlungsebene sowie ideologisch kaum nennenswerte Unterschied, außer dass sich der „IS“ natürlich modernen Mitteln bedient. Kritisierte man daher das Vorgehen des „IS“, ist das nahezu synonym mit einer Kritik an Mohammeds Vorgehen zu verstehen.[2]

Diese Unfähigkeit der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte führt auch dazu, dass aktuelle Missstände nicht als das Ergebnis des eigenen verantwortlichen Handels verstanden werden. Die islamistische Position ist bestrebt, das Versagen der islamischen Welt als direkte Auswirkungen der westlichen Politik dastehen zu lassen. Somit werden erfolgreich interne Reformationen verhindert, weil nicht der Islam die Schuld trägt, sondern die westlichen Einflüsse einzig schuldig sind. Islamistische Gruppen werden auch weiterhin eine Reformation, eine Aufklärung und Liberalisierung des Islams verhindern, weil ansonsten dadurch Pluralität und Vielfalt, Wissen und kritisches Nachdenken die Ideale des Islamismus in Frage gestellt werden. Reformbewegungen und kritische Publikationen sind bisher hauptsächlich im Westen erschienen, die islamische Welt ist bestrebt ihre Kritiker mundtot zu machen. Aber auch im Westen wächst der Druck auf diese und zunehmende Repressionen führen dazu, dass kritische Stimmen verstummen.

Die Machtübernahme des Islamismus

Verstummen aber diese kritischen Stimmen in Europa, werden skeptische Personen sich an radikaleren und ablehnenden Gruppen orientieren. Damit erreichen gerade jene Personen, die eine Pluralität und Vielfalt der Gesellschaft anstreben, dass extremistische Stimmen zu nehmen und sich immer fester in der Gesellschaft etablieren können. So kommt es, dass auch der Islamismus durch eben jene Gruppen gestärkt wird, die letztlich von den islamistischen Gruppen bekämpft werden. Die Ideologie des „Islamismus“ zielt auf die Abschaffung der westlichen Werte ab mit dem Ziel der religiös motivierten Errichtung eines „Kalifats“ in Europa. Damit werden auch die Pluralität und Vielfalt der modernen Gesellschaft beendet. Die Abschaffung der westlichen Gesellschaftsstrukturen ist Bestandteil sämtlichen ideologischen islamistischen Denkens.

Der Islamismus geht von der Vorstellung aus, dass es eine gottgewollte transzendente Ordnung gibt, welche über den von Menschen erschaffenen Regelwerken steht. Die Annahme aber, dass dies nur ein Bestandteil des Islamismus ist, stellt einen Trugschluss dar. Denn sämtliche islamistische Gemeinschaften berufen sich nicht auf einen Islamismus, sondern auf den Islam und seine Prophetentraditionen. Der Islam als Gesamtkonzept regelt nicht nur das spirituelle religiöse Leben, sondern bestimmt auch die politische Gestaltung. Damit ist der tradierte Islam bereits totalitär und stellt ein gesellschaftliches Sicherheitsrisiko dar. Dies wohlgemerkt gilt nicht für Euro-Muslime, Reformmuslime, Kulturmuslime oder atheistische Muslime, welche die Grundgesetze über das islamische Regelwerk stellen. Sämtliche andere islamische Strömungen hingegen, welche die göttliche Botschaft einen höheren ontologischen Status zuweisen.

Plädoyer für eine mutige Kritik

Eine Kritik am Islam ist keinesfalls rassistisch oder islamophob. Allein deshalb schon nicht, weil die Muslime keine Rasse oder Ethnie darstellen, das Gegenteil ist der Fall. Überwindet doch die Idee der umma eben jene Konstrukte, welche zur Herausbildung der Nationen führte. Damit löst sich auch die Einheit der Rasse auf. Der Vorwurf, philosophische Kritik am Islam sei eine neue Form des Rassismus, läuft daher ins Leere. Der Vorwurf der Islamisten und vieler Linken, Islamkritik sei ein islamphobischer Angriff auf den Glauben der Muslime, muss daher entschieden zurückgewiesen werden.

Die Annahme, dass die Muslime eine Rasse sei, ist eine Fehleinschätzung des Westens und eine Annahme der Muslime, sich auf eine ähnliche Dimension der Juden zu stellen. Während die Juden durchaus als eine Religionsgemeinschaft und eine Ethnie verstanden werden kann, sind Muslime lediglich eine Glaubensgemeinschaft. Der Glauben ist Rassen und Ethnien übergreifend, er entwickelte sich von der arabischen Halbinsel über die gesamte Welt aus. Dabei umfasste er sämtliche Ethnien. Die Zugehörigkeit der Muslime ist daher nicht, wie bei den Juden durch die gemeinsame Rasse oder Ethnie determiniert, sondern allein durch den islamischen Glauben. Es handelt sich bei der Auffassung der Juden, als einheitliche Ethnie um ein selbstbezogenes Werturteil, gerade auch, weil theologisch kaum Auseinandersetzungen mit anderen Religionsgemeinschaften stattfinden. Beim Islam hingegen wird die Theologie als eine weltweite Ideologie begriffen, der Ethnien- und Rassenübergreifend in eine globale „umma“ münden soll.

Wenn hier an dieser Stelle eine Islamkritik gefordert wird, dann zielt diese Kritik auch auf die Haltung der Gläubigen ab. Sie sind die Träger des Islams und können ihn in einem europäischen Sinne reformieren oder in fundamentalistischer Form weiter prägen. Es gilt an dieser Stelle aber, dass keineswegs Gläubige pauschal kritisiert werden sollen, nur weil sie gläubig sind. Es geht vor allem um die gelebte und verbreitete Glaubensform.

[1] Vgl. Katajun Amirpur, Den Islam neu denken, Seite 203
[2] Vgl. Hamed Abdel-Samad, Mohamed, Seite 91/92

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