Fundamentalismus

Der Begriff Fundamentalismus wird in der öffentlichen Diskussion zumeist im Zusammenhang mit radikalen islamischen Bewegungen gebracht. Dabei wird der Umstand, dass fundamentalistische Phänomene nicht auf religiöse Erscheinungen reduziert werden können, beinahe vollständig der öffentlichen Diskussion vorenthalten.[1] Tatsächlich handelt es sich aber um ein globales Phänomen, auch in jüdischen oder christlichen Gesellschaften kommt es immer wieder zu einer Ausprägung fundamentalistischen Aspekten. Der islamische Fundamentalismus kann daher nur als eine Spielart dieses Phänomens bezeichnet werden.[2] In säkularen Gesellschaften steht der Mensch als höchster Gesetzgeber in der Verpflichtung, Regeln und Normen zu entwickeln, damit ein friedliches Zusammenleben garantiert werden kann. Hingegen kommt es bei der göttlichen Ordnung zu einer Verschiebung der Machtbefugnisse, nicht der Mensch gilt als höchster Gesetzgeber, sondern die göttliche Allmacht verfügt über diese Macht.

Kurt Salamun versucht sich dem Begriff über ein historisches Verständnis in Bezug auf die Bedeutung zu nähern, um so ein tieferes Verständnis für diese Thematik zu gewinnen. „Fundamentalismus“ wird abgeleitet von den beiden Wörtern „Fundament“ und „fundamental“.[3] Verbunden damit ist die Auffassung, dass es sich bei fundamentalistischen Gruppierungen um eine Geisteshaltung handelt, die bis zu jenen nicht weiterhinterfragbaren Gründen sucht. So wie Aristoteles in seiner Philosophie der Metaphysik nach den allgemeinen und unergründbaren Gründen der Existenz und Erscheinungsformen des Seins fragt,[4] predigen fundamentalistische Strömungen die Lehren wortwörtlich als ein nicht weiter hinterfragbares Fundament. Ein Fundament meint die sichere Basis für die Errichtung weitere Gebäudekomplexe, er gibt Sicherheit, Halt und unterstützt die darauf aufbauende Lehrmeinung. Damit beanspruchen fundamentalistischen Disziplinen die letzten Ursachen der Begründung zu finden und zu erläutern. Sie stellen damit einen festen unverrückbaren Standpunkt dar, im Unterschied zu relativistischen und durch pluralistische Ansätze dynamischen Auffassungen. Salamun spricht daher in diesem Zusammenhang auch von Ankerpunkten, die einen festen Bestandteil der Lehre bilden und auf die berufen werden kann.[5]

Fundamentalismus und Gewalt

Unter fundamentalistischen Strömungen stechen vor allem jene muslimischen Gruppen hervor, welche auch in einem engen Verhältnis zu Gewalt und Terror stehen. Hier verdeutlicht sich die Gefahr der missbräuchlichen Verwendung der fundamentalistischen Grundlagen der Lehren in der Reaktivierung in der Modernen. Für religiöse Fundamentalisten ist unabhängig ihrer Glaubensrichtung die Rückkehr auf die Schrifttreue der Glaubensschrift eine notwendige Konsequenz, die sich aus dem Modernisierungsbestreben aus der Zeit heraus ergibt. Jeder rationale Begründungsversuch wird als ein Angriff auf die strenge Glaubensauslegung verstanden. Die Worte in den Glaubensschriften sind Gottes unverrückbare und für alle Ewigkeit gültige Lebensordnungen. Dass dies, auch wenn es von der Gruppe abgestritten wird, letztlich eine subjektive Auslegung der Glaubensschrift darstellt, bezeugt allein der Umstand, dass sich unterschiedliche fundamentalistisch bezeichnende Bewegungen auf dieselbe Schrift berufen. Damit wird das erreicht, was eigentlich vermieden werden sollte, relativistische Auslegungen, welche sich in einem Konkurrenzverhältnis mit anderen Interpretationen befinden. Auch wenn damit ein dogmatisches System geschaffen wurde, bleibt dennoch ein gewisser Pluralismus weiterhin bestehen.

Der Fundamentalismus ist eine geistige Haltungsform, welche unabhängig von dem Inhalt, eine radikale Rückführung auf unhistorische Gesetze fordert. Insbesondere im religiösen Fundamentalismus wird die dogmatische Auslegung der heiligen Schrift, als Grundlage einer anzustrebenden Weltordnung aufgefasst. Somit integriert bereits der Fundamentalismus als die „wahre“, „richtige“ und „einzige“ Auslegung den Widerspruch des Pluralistischen.[6] Klaus Kienzler merkt an, dass zwischen einer neuen und einer alten Definition von Fundamentalismus unterschieden werden kann.[7] Während das ursprüngliche Verständnis zwar durchaus radikale Elemente aufwies und teilweise auch Gewalt angewendet wurde, impliziert die neue Bedeutung bereits die Gewalt als ein immanenter Faktor. Damit werden fundamentalistische Bewegungen gleichgesetzt mit gewaltbereiten Mitgliedern, von denen eine deutliche Gefahr ausgeht. Diese Unterscheidung ist aber nicht treffend genug, denn zwar scheint es durchaus, dass fundamentalistische Bewegungen gewaltbereit sind, dennoch stellt dies kein notwendiges Element dar. Es bedarf daher weiterhin einer strengen Trennung von Gewalt und Fundamentalismus, auch wenn durch aktuelle Phänomene, dieses Verständnis durchaus abhandengekommen zu sein scheint.

Der Fundamentalismus als eine Strömung oder Bewegung kann als eine Aufforderung verstanden werden, aus dem aktuellen System auszutreten oder dieses zugunsten der fundamentalistischen Sichtweise zu verändern. Hier wird vor allem durch die Rückführung von Teilbereichen des gesellschaftlichen Kontextes auf verklärende und romantische Idealisierung von vergangenen Epochen, der Moderne eine Triebkraft entgegengesetzt, welche sich vor allem durch Absolutheit, Beständigkeit und Eindeutigkeit ausdrückt.

[1] Vgl. Kurt Salamun (Hrsg.), „Fundamentalismus interdisziplinär“, Vorwort, Seite 7′
[2] Vgl. Klaus Kienzler, „Der religiöse Fundamentalismus“, Seite 7/8
[3] Vgl. Salamun (Hrsg.), „Fundamentalismus interdisziplinär“, Seite 22
[4] Aristoteles entwickelt diese Seinslehre in seinem Werk „Metaphysik“
[5] Vgl. Kurt Salamun (Hrsg.), „Fundamentalismus interdisziplinär“, Seite 23
[6] Vgl. Werner Ruf, „Der Islam – Schrecken des Abendlands“, Seite 30
[7] Vgl. Klaus Kienzler, „Der religiöse Fundamentalismus, Christentum, Judentum, Islam“, Seite 11

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