Erneuerungsbewegungen des modernen Islams

Islamische Studenten
@Syauqi Fillah/Pixabay

Als Folge der Eroberungen durch das erstarkte Europa und damit verbundenen des Kolonialismus der überlegenen Kultur der Christen, standen sich im 19. Jahrhundert zwei konträre Zivilisationen gegenüber. Auf der einen Seite Europa und auf der anderen Seite die islamische Welt. Aus der Sicht der Eroberer waren die anderen Kulturen, allen voran die islamische Praxis, eine rückständige und unterentwickelte Gesellschaftsform. Dem Westen war es bereits gelungen, durch aufklärerische Prozesse die Religionen zu entmachten und weitgehend zurückzudrängen. Hingegen im islamischen Kulturbereich die Religion weiterhin eine dominante Rolle inne hatte.

Im Austausch mit den militärisch und ökonomisch überlegenen Westen, setzte in der arabischen Welt ein Reflexionsprozess über die kulturelle Abgeschlagenheit ein. Dabei drehte sich die Diskussion vor allem um die Frage, ob und inwiefern westliche Elemente importiert, integriert und adaptiert werden können und sollen. Es haben sich hier zwei grundverschiedenen Positionen entwickelt. Während die Modernisten Potential in einem Austausch mit dem Westen sahen und eine Integration westlicher Elemente vereinbar mit den islamischen Prinzipen erachteten, lehnten die Fundamentalisten solche Bestrebungen vehement ab.

Die islamischen Länder wurden durch den Kolonialismus in die Rolle der unselbstständig agieren Kolonien gerückt. Diese Entwicklungen führten zu der Erkenntnis, dass fundamentale strukturelle Veränderungen erst die Möglichkeit der Rückeroberung der eigenen autonomen Position ermöglichen könnte. Seit den 1950er Jahren wurden vom Westen politische Konzepte wie Nationalismus oder Sozialismus aufgegriffen und teilweise übernommen. Die Unabhängigkeiten der einzelnen islamischen Staaten führten zu einer Phase der diktatorischen Herrschergewalt, welche durchaus vom Westen legitimiert wurden.

Der Niedergang der islamischen Kultur

Der Niedergang der islamischen Kultur seit dem Mittelalter wurde vor allem als ein inneres strukturelles Problem betrachtet. Diese Debatte entbrannte in der Zeit der Kolonialherrschaft erneut und ermöglichte erst die „politische Erwachung“. Diese Meinung, dass der „Abfall vom Glauben“ Mitschuld an dem Untergang sei, wurde sowohl von den Fundamentalisten als auch von den Modernisten geteilt. Es bildete sich die Erkenntnis heraus, dass die Muslime mehrheitlich vom echten, wahren Glauben abgefallen seien und sich dadurch die Überlegenheit der Kultur von der Islamischen zur westlichen Welt verschoben hat. Während der Westen sich von der Religion langsam emanzipierte, vertraten die islamischen Vertreter, dass eine Rückführung auf den wahren Glaubenskern des Islams den erneuten Aufschwung ermöglichten würde.

Kritisiert wurden vor allem jene Entwicklungen der Verhaltensweisen und Rituale, welche sich regional im Volksislam über die Jahre heraus entwickelt haben. Die unterschiedlichen Ausprägungen des Volksislams in ihrer mystischen Ausgestaltung, der individuellen Heilgenverehrung sowie die regional unterschiedliche interpretierten Koranauslegungen, führten zu der Forderung, dass die islamische Gemeinschaft zu den Kernelementen des Islams zurückkehren muss. Die idealisierte Zeit um Mohammed und den vier nachfolgenden Kalifen (als-salaf) stellten die Basisforderungen in Programmen der islamistischen-fundamentalistischen sowie auch modernistischen Bewegungen dar. Die Lösung der internen islamischen Probleme sowie die Rückständigkeit gegenüber dem Westen, wurden nicht in einem Prozess der Säkularität gefunden, sondern einzig und allein im islamischen Glauben. Es kam daher zu keinem Bruch mit dem religiösen Einfluss, sondern zu einer massiven Wiederbelebung des traditionellen Islams.

Ein neues ideologisches Bollwerk

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien die Phase der ideologischen Gesellschaftssysteme beendet zu sein. Doch während Europa in eine Phase des Friedens hinbewegte, entwickelte sich im islamischen Kulturkreis ein neues ideologisches Bollwerk. Anleihen fanden die muslimischen Gelehrten in den westlichen Konzepten als auch in den tradierten Quellen des Islams. Europäische Konzepte, wie Kapitalismus, Sozialismus oder Nationalismus, wurden von den islamischen Gelehrten aufgegriffen, aber modifiziert und somit von störenden Elementen bereinigt. Es kam zur Selektion einzelner Lehren, dadurch sollten die westlichen Konzepte hinsichtlich ihrer Fehlerhaftigkeit bereinigt und an die Gottesordnung angepasst werden. Solche Islamisierungsprozesse lassen sich im 19. Jahrhundert in vielen Bereichen ausmachen, wobei es immer zu einer speziellen Anpassung der Konzepte gekommen ist.

Auf einmal sahen islamische Gelehrte die Chance der Rückkehr eines starken Islams, der politisch, gesellschaftlich und ökonomisch seinen Einfluss auf die ganze Welt ausbreiten sollte. Nicht mehr das Schwert war das Symbol der Verbreitung, sondern das Wort wurde immer wichtiger. Der kriegerische Islam, der in der frühen Phase bis weit in das europäische Kernland erobernd eingedrungen war, verschwand unter dem Tarnmantel eines sich friedlich ausbreitenden islamischen Glaubens. Die politischen Absichten und die mythischen Denkfiguren wurden von vermeintlichen humanitären Lehren und Ansätzen überdeckt.

Mit solchen Methoden gelang es den Islamisten bis tief in das europäische Herz vorzudringen. Europa darf sich von einem liberalen und friedlichen Islam nicht täuschen lassen. Solange es keine umfassenden Reformen gibt und es zu einer Aufarbeitung historischer Entwicklung gekommen ist, sind viele tradierte islamische Lehren soziale Sprengsätze. Es gilt, die gefährlichen Inhalte und Zündstoffe rechtzeitig zu identifizieren und zu entschärfen.

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