Entziehen sich Religionen einer philosophischen Kritik?

Und wie man doch erfolgreich Kritik formulieren kann.

Viele Gläubiger meinen, die religiöse Welt entziehen sich gänzlich einer philosophischen Kritik. Durch diese Abgeschlossenheit aber, immunisieren sich Religionen gegen sämtliche notwendige Kritik und verschließen sich Öffnungsprozesse. Eine so verstandene Religion droht den Anschluss an die Moderne zu verlieren, sie wird zu einem „Fremdkörper“ in einer offenen und liberalen Gesellschaft. Auch wenn viele Elemente religiöser Lebenswelten sich einer philosophischen Kritik erfolgreich entziehen können, bietet doch das Medium, nämlich die religiöse Sprache, viele Anknüpfungspunkte für eine kritische Auseinandersetzung.

Hier haben besonders die Methoden und Instrumente der Analytischen Philosophie die Aufgabe, die Sprache der Mythen und der religiösen Lebenswelten kritisch zu analysieren. Durch eine solche Untersuchung wird schnell klar, dass in den Mythen und Religionen die sprachlichen Begriffe mindestens zwei Bedeutungen, oftmals sogar eine mehrdimensionale Bedeutungsebene aufweisen.

Religiöse und mythische Lebenswelten werden grundsätzlich in sich durchaus widersprechenden Dimensionen gedeutet. Diese Zweiteilung drückt sich in der Wahrnehmung von einem empirischen und einem metaempirischen, von einem zeitlichen und einem zeitlosen, von einem irdischen und göttlichen Bereich aus. Jene, nicht rational und empirisch fassbaren Bereichen sind Kennzeichnen von mythischen und religiösen Lebenswelträumen.

Die Kraft der Imagination

Doch woher kommen diese nicht kritisierbareren Dimension der Religionen? Wir Menschen besitzen grundsätzlich die kreative Fähigkeit uns virtuelle und imaginäre Welten zu erschaffen, die unseren realen Lebensbedingungen zwar ähneln, aber vor allem durch positive Superlative erweitert und perfektioniert worden sind. In mythischen und religiösen Lebensvorstellungen erweitern und verbessern die Menschen ihre kleine, irdische und von Leid gekennzeichnete Lebenswelt in eine unbegrenzte, ewige und absolut leidfreie metaempirische Dimension.

Religiöse und mythische Konzepte und Lebensvorstellungen verbinden diese beiden Bereiche zu einer untrennbaren Einheit und Lebensanschauung. Das Zeitliche wird mit dem Ewigen verbunden, das Menschliche mit dem Göttlichen und das Körperliche mit dem Geistigen. Die Menschen sprechen von Engeln, von Göttern, Dämonen oder Teufeln und projizieren ihre Lebenserfahrungen, Hoffnungen und Erwartungen in den transzendenten Raum.

An den Schnittstellen der beiden Welten übernehmen bestimmte Tabu-Personen die Aufgabe der Vermittlung. Schamane, Mantiker, Priester oder Propheten empfangen die göttliche Wahrheit und geben diese an die Gläubigen weiter, die über viele Generationen die Lehre zu einem System entwickeln. Auf diese Weisen entstanden die „heiligen Bücher“ der Menschheit, wie der Koran oder die Bibel, die dann zu einem Maßstab der Verhaltensanforderung für die Menschen wurden.

Prozesse der Entschärfung

In einem ersten Schritt der Entschärfung werden die unterschiedlichen Sprachspiele (L. Wittgenstein II) in den religiösen und mythischen Weltanschauungen betrachtet. Dabei wird die religiöse Sprache mit den Mitteln der Logik, der Semantik und der Pragmatik hinsichtlich ihrer Wirkungskreise analysiert und bewertet. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass eine religiöse Sprache sich durch eine Vielzahl von Bedeutungsebenen auszeichnet, sodass bereits die frühen Stoiker eine Methode der Auslegung (Allegorie) entwickelt haben, um die Mehrdimensionalität der Sprachform an die jeweiligen Bedürfnisse und Anforderungen anpassen zu können.

Bei einer allegorischen Interpretation wird davon ausgegangen, dass es grundsätzlich mehr als nur eine Bedeutung der sprachlichen Ausdrücke gibt. Während also fundamentalistische Herangehensweisen nur eine wortwörtliche Auslegung der Schriften akzeptieren, eröffnet eine allegorische Interpretationsweise einen breiten Spielraum für unterschiedliche Deutungen.

So können neben einer faktischen Botschaft, auch eine moralische, eine symbolische oder metaphysische Bedeutungsebene unterschieden werden. Um die wahre Auslegung zu finden greifen religiöse Lehrsysteme auf Tabu-Personen zurück, welche die Wahrheit der Botschaft in ein geistiges Korsett schnüren und andere Interpretationen als falsch zurückweisen.

Auch im religiösen Sprachspiel gibt es bestimmte Regeln und Anwendungskonzepte. Wenn von dem guten Gott die Rede ist, dann deutet dies bereits an, dass auch die Gläubigen dementsprechend gut sein können. Der gute Gott wird daher zu einer metaphysischen Instanz der absoluten Moral, der eine Vorbildfunktion auf alle Gläubigen hat. Auch wenn es nach einem naturalistischen Fehlschluss aussieht, implizieren religiöse Aussagen bereits bestimmte moralische Wertungen, womit der Fehlschluss aufgehoben wird.

Entschärfen religiöser Lebenswelten

In der religiösen Sprache kommt es zu einer starken Erweiterung der Bedeutungsebene der sprachlichen Begriffe. So wird aus dem menschlichen Geist durch eine metaphysische Verstärkung der göttliche Geist oder der alles umfassende Weltgeist. Da der menschliche Geist, wie immer dieser auch beschaffen sein mag, generell für uns Menschen nicht sichtbar ist, wohl aber deren Auswirkungen, ist auch der göttliche Geist nicht direkt sichtbar, sondern nur durch sein Wirken erkennbar. Diese nicht erkennbare metaphysische Dimension wird in der Religion als eine fixe Wahrheit begriffen. Dadurch sind die Inhalte der religiösen Sprache, sofern sie auf metaphysisches referieren, empirisch nicht überprüfbar.

Nicht überprüfbare sprachliche Inhalte sind damit lediglich Ausdruck einer inneren Einstellung zum Leben der Gläubigen. Damit hat die religiöse Sprache zwar einen direkten Bezug zum realen Leben, verweist aber in ihrer Bedeutung auf etwas nicht Überprüfbares. Es zeigt sich daher auch, dass religiöse Sprache weder wahr noch falsch sein kann, sondern vor allem bei den Zuhörern etwas bewirken soll. Ein Gebet soll Gott animieren den Gläubigen zu unterstützen. Ein Loblied Gottes wiederum soll die Gläubigen dazu bringen, Gott in seiner Vollkommenheit zu ehren. Lobpreise, Eide, Gebete, das Schuldbekenntnis, der Segen oder ein Fluch sind sprachliche Elemente der religiösen Rede welche zu bestimmten Handlungen auffordern.

Das bedeutet, dass zwar nicht die metaphysischen Inhalte der religiösen Sprache empirisch erfassbar und damit kritisierbar sind, dennoch bleibt ein großes Spektrum für etwaige kritische Auseinandersetzungen offen. Um eine Entschärfung der Wirkung religiöser Sprache zu erreichen, bedarf es einer Analyse der Lebenssituation der Gläubigen. Dieser Kontext kann empirisch erfasst werden und bildet die Grundlage des Zugangs zur Religion und die Basis der Wirkungsvielfalt der religiösen Sprache. Es bedarf daher die Frage nach dem Grund der Anrufe höhere Mächte.

Spezielle Lebenswelten

Die Existenz Gottes kann rational und auch logisch weder verifiziert noch widerlegt werden.  Hingegen können sehr wohl die pragmatischen Aspekte der religiösen Sprache besonders hinsichtlich ihrer sozialen Wirksamkeit analysiert werden. Somit kann soziologisch die Verhaltensweisen von religiösen Menschen in Relation zur religiösen Sprache untersucht werden. Denn wenn behauptet wird, dass Gott gut sei und daraus eine moralische Norm entwickelt wird, dann kann sehr wohl überprüft werden, ob die Gläubigen diesen hohen Anspruch in ihrem Leben genüge tun. Denn jede religiöse Botschaft impliziert bereits den hohen Anspruch, dass nur diejenigen Gläubigen in das Paradies kommen, welche den moralischen Regeln folgen.

Damit eröffnet die religiöse Sprache ein breites Feld für kritische Auseinandersetzungen. Wenn auch die metaphysischen Aspekte sich rationaler und empirischer Kritik erfolgreich entziehen, genügen bereits die moralischen und pragmatischen Inhalte der Religionen als Ankerpunkte der kritischen Philosophie. Dadurch sind alle Religionen kritisierbar und offen für Lernprozesse.

Wer mehr über die notwendige Kritik geschlossener religiöser Lebenswelten islamistischer Lehren lesen möchte, dem empfehle ich mein aktuelles Buch: „Jihad-Eine Ideologie des Todes.“

 

 

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