Entstehung von Ideologien- ein kurzer Gedankenzug

2. März 2020 0 Von Markus Hahn

Eine Ideologie als Weltanschauung kann als eine Schau in das Innere des Menschen gesehen werden, gleichzeitig aber auch als eine Schau auf die äußeren Faktoren verstanden werden. Während die inneren Strukturen vor allem psychologische Elemente sind, erlauben die äußere Elemente eine Interpretation und Orientierung der Wirklichkeit. Aufgrund dieser Daten positioniert sich der Mensch. Politische Ideologien können hingegen nicht mehr als eine reine Weltanschauung begriffen werden, da sie den individuellen Rahmen übertreten und politisch-normative Züge annehmen. Nationalsozialismus, Stalinismus oder Islamismus sind keine Weltanschauungen mehr, sondern politische Ideologien. Zwar erlauben solche Systeme die Orientierung als auch die Positionierung des Menschen in einem gesellschaftlichen System, allerdings fällt die innere Schau weitgehend weg. Ideologien im politischen Sinne übersteigen Weltanschauungen insofern, dass sie ein Dogma darstellen und Stützpfeiler der jeweiligen Gesellschaft sind.

Wird von Ideologien gesprochen, handelt es sich vor allem um ein durchaus der Gesellschaft zugrundeliegendes Ideen- und Gedankensystem, das nicht mehr auf das Individuum begrenzt ist. Vielmehr ist das Individuum als Träger zu begreifen. Ideologien sind wie Weltanschauungen auch Ordnungsschemen und Orientierungsrahmen sowie Verhaltensanweisungen, sie prägen das kollektive Gewissen, organisieren die als gültig akzeptierten Wahrheiten und bilden den Rahmen des gesellschaftlichen Charakteristikums. Kernpunkt sämtlicher Ideologien sind gesellschaftlich und politisch starke und relevante Gruppen, die Wahrheitsanspruch erheben und diesen auch durchsetzen können. Solche Gruppen organisieren sich grundsätzlich um einen Ideologen. Ideologien sind daher immer auf diese Gruppen als Ursprungsquelle angewiesen. Diese wiederum greifen relevante Inhalte und strukturelle Merkmale von Weltanschauungen einzelner Personen auf und fügen sie zu einem politischen System zusammen. Durch das Ausformulieren von gemeinsamen Anforderungen und Zielen, werden die theoretischen Konzepte erarbeitet. Ideologische Konzepte müssen sich immer in einer bestimmten Relation zum herrschenden Glaubenssystem befinden. Ein dem herrschenden Glaubenssystem widersprechende Ideologie wird in der Gesellschaft kaum Bestand haben. In naturwissenschaftlichen Gesellschaften haben religiösen Ideologien wenig Chancen insofern potentielle Träger nicht oder nur tendenziell religiös sind. In Europa entwickeln sich gerade aufgrund dessen parallele Strukturen und Weltanschauungen. Die unterschiedlichen Islamvorstellungen prallen mit europäischen Leitideologien aufeinander. Diese teilweise sich ausschließenden Weltanschauungen treten nicht nur in Konkurrenz zueinander, sondern es führt auch dazu, dass sich Gruppen von der Mehrheitsgesellschaft tendenziell abspalten. Hingegen können sich empirisch-atheistische Ideologien in religiösen Gesellschaften kaum durchsetzen.

Ein universelles Merkmal ideologischer Gruppen liegt in ihrem Sonderinteresse und den daraus resultierenden Verhaltensweisen. Das können einfache Reaktionsmuster sein wie der Rückzug aus der Mehrheitsgesellschaft bis hin zur Ausbildung militärischer Strukturen, mit dem Ziel durch terroristische Aktionen gesellschaftliche Veränderungen zu erzwingen. Solche Gruppen erklären entweder, ihr Sonderinteresse, dass sich gegen die Mehrheit der Interessen der Gesellschaft richtet, sei allgemeingültig und daher durchzusetzen oder sie erklären, ihre Anliegen sind die herrschenden Anliegen der Gesellschaft. Mit beiden Ansätzen liegen sie aber deutlich daneben, dennoch legitimieren solche Gruppen ihr Verhaltensschema aus dieser zirkulären Begründungs- und Legitimationsmethode.
Damit sind bestimmte Sachzwänge und vorgefertigte Meinung bereits hier impliziert. Das wird besonders dann deutlich, wenn es zu einem Dialog kommen soll. Öffentliche Debatten über herrschende Werte und Wertkonstellationen sowie eine kritische Analyse dieser wird systematisch unterdrückt und durch Immunisierungsstrategien erfolgreich verhindert. Großideologien sind vor allem soziopolitische Konzepte. Politische Ideologien sind, zusammengefasst, Denk- und Weltdeutungssysteme, die vom Machtstreben der Vertreter genährt werden.[1] Darin sind bestimmte als wahr, richtig oder gut postulierte Aussagen, Meinungen, Erkenntnisse, Deutungen, etc. impliziert, welche von den Vertretern als alternativlos propagiert werden. Es handelt sich dabei keineswegs um neutrale, intellektuell-philosophische Entwürfe, sondern um politische wirksame Denksysteme.

Der Mensch kann als unterschiedliches Stufen-Lebewesen klassifiziert werden. Ideen sind daher immer in einem bestimmten Kontext verankert und entwickeln sich aus diesem heraus. Begreift man die herrschenden Ideen als Phänomen der herrschenden Verhältnisse, als eine Reaktion und Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse, dann sind die Ideen nicht mehr nur als etwas Abstraktes zu begreifen, sondern erfahren einen realen Kontext und Inhalt. Der religiös motivierte Aktionismus wird daher in diesem Sinne zu einem Katalysator der stark verbreiteten Frustration in der Bevölkerung.[2] Damit ist der Islamismus und weiterer Folge auch der Jihadismus als eine eindeutige religiös-politische Ideologie zu begreifen.

Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes und dem scheinbaren Ende der Ideologien erlebte die Sozialwissenschaft einen „cultural turn“, Fragen der kulturellen Identität wurden immer öffentlicher diskutiert. Die Frage wurde immer relevanter, wie das neue „Zivilgesellschaftsparadigma“ auch auf die MENA-Region[3] übertragen werden kann.[4] In diesem neuen Paradigma werden Akteure als Aktivisten verstanden, welche in der Lage sind, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen, was so interpretiert wird, dass solche Prozesse sich immer in Richtung Demokratie bewegen würden. In der Wahrnehmung der westlichen Welt wurden die islamistischen Bewegungen in den 1980er /1990er Jahren als eine die Rolle und Funktion als Träger sozialen und politischen Prozesse begriffen. Es wurden Hoffnungen der Demokratisierung „von unten“ gehegt. Die Sozialforschung übertrug ihre Vorstellungen auf diese Gruppen, von ihnen wurde daher erwartet, dass ihre Bewegungen zu mehr Pluralität und Demokratie führen würden.

Jede Ideologie, welche scharfe Abgrenzungen implementiert, lässt sich auf die Entwicklung der manichäischen Heilslehre zurückführen. Obwohl diese von der Kirche als eine falsche religiöse Entwicklung verurteilt wurde, überlebten die Ideen der starken kontrastreichen Trennung von Gut und Böse, Wahrheit und Lüge sowie Licht und Finsternis bis in die heutige Zeit.[5] In dem Nationalsozialismus diente das Begriffspaar „arisch – jüdisch“ als eine dichotome Reduktion zur Verdeutlichung der bipolaren Deutungsrahmen, um damit eine extrem vereinfachte Darstellung zu liefern.[6] Durch diese sehr einfache Darstellung auf zwei konträre Komponenten, also die Aufteilung zwischen „gut“ für arisch und „böse“ für jüdisch, verzerrte und verfälschte sich allerdings die komplexe Realität, dies Entwicklung war aber für die Propagandisten des Nationalsozialismus von großer Bedeutung und Nutzung. Die Verfälschung und Verzerrung der Wirklichkeit zeigte sich vor allem dadurch, dass sämtliche fremde Erscheinungen, welche dem Nationalsozialismus gefährlich werden konnten oder aus welchen Gründen auch immer nicht in das perfekte Bild passten, unter dem Begriff „jüdisch“ subsummiert wurden. Anders galt all das als „arisch“ und deshalb gut Bewertete, alles was dem Nationalsozialismus nützlich war. Dieses „zweidimensionale“ Bild erleichtert zwar die Aufnahme, Verarbeitung und Umsetzung von sozialen, gesellschaftlichen und politischen Programmen, wird aber der Realität in keiner Weise gerecht.

[1] Vgl. Peter Tepe, „Ideologie“, Seite 71
[2] Vgl. Tanja Scheiterbauer, Islam, Islamismus und Geschlecht in der Türkei, Seite 27
[3] Wird generell „Middle East & North Africa“
[4] Vgl. Tanja Scheiterbauer, Islam, Islamismus und Geschlecht in der Türkei, Seite 33
[5] Vgl. Ethik des Fridens, Seite 106ff
[6] Vgl. Kurt Salamun, „Ideologie, Wissenschaft, Politik“, Seite 22

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