Entstehung des internationalen Jihadismus (Kurz angerissen)

Der Westen hat aus geopolitischen Gründen islamistische und jihadistischen Gruppen weltweit unterstützt und für seine Zwecke instrumentalisiert. Vor allem die USA haben den afghanischen Jihadismus gegen die Sowjetunion finanziell und waffentechnisch beeinflusst. Sie unterstützten die unterschiedlichsten Gruppen der „Mujaheddin“ (arabisch für Glaubenskämpfer) am Hindukusch, dabei unterhielt der CIA intensive Kontakte auch zum späteren „Terrorfürsten“ Osama Bin Laden. Eine weitere „schillernde Figur“ des Jihadismus, Abdallah Azzam, gründete das Büro für Dienstleistungen (maktab al-khadamat) und hatte so im Rahmen der CIA Operation „Operation Cyclone“ intensive Kontakte in die USA.[i] Die frühere Strategie des Westens hat somit den islamistischen Terrorismus begünstigt.

Unter dem US-Präsidenten Jimmy Carter wurde die Strategie der Einbindung regionaler „Rebellengruppen“ zur Bekämpfung der Sowjetunion entwickelt. Der Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan wurde als Sieg der Islamisten weltweit gefeiert. In der islamistisch-jihadistischen Ideologie ist die „Befreiung“ Afghanistan zum Sieg über feindliche und vor allem militärisch weit überlegene Mächte geworden. Das war für die Jihadisten ein Zeichen Allahs, für den richtigen Kampf der Muslime, wohlwissend, dass die USA als Beschützer und Unterstützer der Islamisten auftraten. Afghanistan wurde zum Mythos einer Ideologie der vollständigen Eroberungsfantasie feindlicher Nationen. Seitdem gilt in der islamistischen Ideologie, dass der Sieg in Afghanistan zum Kollaps der Sowjetunion führte.[ii] Der Nimbus der Unbesiegbarkeit des Jihadismus fand hier seinen Ursprung und fand in der Strategie des „IS“ eine radikale Weiterentwicklung. Es soll vorgekommen sein, dass Mitglieder des „IS“ in Dörfer anriefen und deren baldige Ankunft ankündigten. Fluchtartig verließen die Menschen und Soldaten die Gebiete. Mit „Allahs Hilfe“ konnten so die Extremisten viele Orte beinahe ohne Widerstand einnehmen und ihre Schreckensherrschaft verbreitet.

Die Ideologie des internationalen Jihadismus, die im „IS“ ihren vorläufigen Höhepunkt fand, ist maßgeblich auf die Philosophie Adallah Azzam zurückzuführen. Er argumentierte, dass es eine der höchsten Pflichten eines Muslims sei, islamische Gebiete zu verteidigen. Wer dem nicht nachkäme und seinen Glaubensbrüdern im Kampf gegen die Feinde nicht beistünde, würde eine Sünde begehen und in der Hölle leiden müssen.[iii] Nach seiner radikalen Vorstellung kann es niemals Frieden mit dem Feind geben, eine Vorstellung, die auch andere islamistische Ideologen vertreten. Damit ist der Kampf gegen die Feinde bis zum vollständigen Sieg der Islamisten vorgesehen. Der Feind, in der damaligen Vorstellung noch von Al-Qaida definiert, war der Westen, strebe seiner Meinung nach der totalen Vernichtung aller Muslime, deshalb könnten sich Muslime weltweit niemals sicher fühlen. Diese Denkfigur, dass sich die Muslime in einer beständigen existentiellen Bedrohungslage befinden, nährte die Opferrolle der Muslime, aus der sich Gewalt gegen den Westen begründen lässt. Mit der Vorstellung, dass sämtliche Friedensdialoge mit dem Feind von diesem nur unter dem Vorwand der Vernichtung der Muslime geführt werden und dass ein internationaler islamischer terroristischer Widerstand eine Notwendigkeit sei, kehrten viele Jihadisten aus Afghanistan in ihre Heimat zurück. Die Globalisierung der islamistisch-jihadistischen Ideologie fand ihren Ursprung in einem kriegerisch-terroristischen Konflikt internationalen Ausmaßes. Aus den Kriegserfahrungen und der Ideologie des Jihads entstand die neuartige jihadistische terroristische Ideologie. Der Versuch der weltweiten Verbreitung dieser Ideologie scheiterte aber vorerst. Nur in regionalen Gebieten wie Bosnien oder Tschetschenien konnte sie sich vereinzelt festsetzen. Von dort sollte die Ideologie nach Europa verbreitet werden. Allerdings lehnten die meisten Muslime diese extremistische Vorstellung ab. Erst durch die verstärkte Verwendung der neuen Medien als Propagandakanal und letztlich mit dem Entstehen des „IS“ als Anziehungsmagnet für radikalisierte Europäer gelang es dieser radikalen Ideologie sich zu verbreiten.

Die Gefahren solcher Denkfiguren und die Reaktivierung der „Theologie des Todes“ führen zu einem fanatischen Weltbild und zu einem sozialen Sprengsatz. Auf diese Gefahren habe ich in meinem aktuellen Buch „Jihad-Eine Ideologie des Todes“ deutlich hingewiesen. Gelingt es nicht, solche Denkfiguren zu entschärfen, droht ein ideologischer Flächenbrand.

[i] Vgl. Thomas Schmidinger, „Jihadismus“, Seite 44.
[ii] Vgl. Peter R. Neumann, Die neuen Dschihadisten, Seite 60/61.
[iii] Vgl. Peter R. Neumann, Die neuen Dschihadisten, Seite 57.

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