Die Veränderung des öffentlichen Raums

Der Islam und seine Glaubenspraktiken werden in Europa mehrheitlich als fremde Elemente, teilweise als feindlich betrachtet. Das liegt daran, dass seine religiösen Rituale dem christlichen Glauben fremdartig sind, besonders in einem heute „säkularisierten“ Westen. Das fünfmalige Gebet, die Fastenzeit, die Ablehnung von Schweinefleisch und Alkohol, der Muezzin, der zum Gebet ruft, und viele religiösen Eigenheiten mehr, wirken im westlichen Verständnis eigenartig. Wie ein Fremdkörper drängen solche Elemente immer weiter in die westliche Gesellschaft ein und manifestieren sich hier. Eine solche Entwicklung ruft einerseits Ablehnung und Ressentiments hervor, andererseits kommt es zu einer Verherrlichung des Islams durch eine radikal Linke. Toleranz und Religionsfreiheit wird gefordert, doch betrifft diese Forderung fatalerweise zu häufig nur die westliche Seite. Durch diese falsch verstandene Toleranz öffnet sich das von Karl Popper deutlich beschriebene Paradoxon der Intoleranz. Demnach schafft sich derjenige selber ab, der auch gegenüber radikalen Gruppen Toleranz zeigt, die eine gegensätzliche ideologische Ausrichtung besitzt.

In einem liberalen und offenen Europa gelten Meinungsfreiheiten, Gleichheit Toleranz gegenüber Minderheiten und viele andere Werte mehr. Dieser öffentliche Raum wird zunehmend von radikalen Positionen begrenzt. Ein solcher toleranter öffentlicher Raum der Meinungsvertretung und unterschiedlichen Verhaltensweisen, stellt eine beachtliche zivilisatorische Leistung darf. Die islamischen Glaubenspraktiken fordern ebenfalls ihren Anteil an diesem öffentlichen Raum. Hier liegen oft Konfliktfelder zugrunde, die es durch eine starke poltisch-gesellschaftliche Position geklärt gehören.

Algerien und die fundamentalistische Ausbreitung

Blickt man nach Algerien dann wird klar, dass der Kampf um den öffentlichen Raum in Europa erst in der Genese sich befindet. Noch also steht Europa viele Möglichkeiten der Gegensteuerung offen, es bedarf endlich einer offenen und klar geführten Debatte darüber. Seit den 1990er Jahren gewinnen fundamentalistischen Gruppen in Algerien immer mehr an Oberhand. Dabei gelang es dem Land, extremistische Strömung im Bürgerkrieg weitgehend zurückzudrängen. Heute nimmt der Einfluss der salafistischen Strömungen weiterhin zu, wobei die Regierung kaum Interesse zeigt, hier erneut massiv vorzugehen. Das wird von einem Teil der Bevölkerung sogar wohlwollend begrüßt. Allerdings steht der Salafismus mit seiner anti-demokratischen Einstellung einer modernen Gesellschaft entgegen.

Der Philosophie Professor der Universität von Algerien Said Bahmed begrüßt die Rückkehr der islamischen Identität in Algerien.[1] Die Partei „Gesellschaftsbewegung für den Frieden“, die der Muslimbruderschaft nahe steht[2] begreift die Zunahme der verschleierten Frauen als Ausdruck der wiederentdeckten islamischen Traditionen. Die letzten französischen Einflüsse der Kolonialzeit wird mit Hilfe der Salafisten immer weiter zurückgedrängt, damit auch die Freiheit. Immer mehr Bars und Lokalitäten, wo früher Alkohol ausgeschenkt wurde und Frauen sich kleiden konnten, wie sie wollten, wurden geschlossen. In Algerien werden immer mehr kritische Journalisten verhaftet.[3] Damit werden kritische Stimmen verbannt. Zwar hat Algerien mit hartem Druck und repressiven Maßnahmen es geschafft, einen arabischen Frühling zu vermeiden, aber der Preis dafür war sehr hoch. Liberale oder demokratisch-kritische Elemente sind dabei verloren gegangen, eine moderne offene Gesellschaft kann sich unter diesen Bedingungen nicht entwickeln.

Das Kopftuch als Kampfplatz

Ein Kopftuch und vor allem die Vollverschleierung dienen zur Umgestaltung des öffentlichen Raumes und zur Dominanzausdehnung des männlichen Einfluss- und Kontrollrahmes. In diesem öffentlich säkularisierten Raum drängt die eindimensionale unreflektierte Religiosität ungehindert, unterstützt von Islamverbänden und linker Ideologie der freien Selbstentscheidung, als eine neue aufsteigende Dominanz Europas ein. Dieser Kreuzzug der Machtdemonstration ist ein legal geführter und auf politischer Ebene mehrfach gewonnener Machtkampf geworden. Dabei ist das Kopftuch in seiner Historie ein unpolitischer und unreligiöser Stoff der funktionalen Kleidung gewesen. Er hat nichts Grundsätzliches mit dem Islam zu tun, sondern wurde durch fundamentalistische Strömungen erst islamisiert. Es hat keine religiöse Funktion und auch keine Bedeutung, sondern wurde vor allem als ein religiöses Argument der Eroberungsstrategien der Fundamentalisten verwendet. Die Vorstöße der Islamverbände, die unabhängigen kopftuchtragenden Frauen und der fundamentalistischen Männer, basieren daher vor allem auf einer radikalen Auslegung des Korans. Lediglich dreimal im gesamten Werk wird die Verhüllung, so sie denn eine konkrete Verhüllung sei, erwähnt. Vielmehr wird in der Sure 33,59 den Frauen empfohlen, etwas von ihrer Bekleidung über den Kopf zu ziehen, damit sie vor Belästigungen der Männer in Ruhe gelassen werden. Etwas, das bis heute aber trotz Vollverschleierung ständig vorkommt. Und das obwohl nach der Ideologie des Fundamentalismus, die ehrbarsten Frauen eine Vollverschleierung tragen. Aber die Sure kann auch anders gelesen werden, nämlich als Ratschlag an die Frauen, in einer Welt in die Männer in allen Bereichen dominieren und es kaum Schutzrechte für Frauen gab, sich durch diese einfache Maßnahme vor den Übergriffen der Männer etwas zu schützen. Dann sind die Frauen ehrbar und die Männer hingegen als Übeltäter zu begreifen. Diese Schutzmaßnahme, nicht als ein religiöses Gebot im Koran formuliert, sondern als Ratschlag, ist in europäischen Ländern aber als sinnlos zu erachten. Zumal die Erfahrungen zeigen, dass Vollverschleierung auch kein Schutz vor Belästigung und Missbrauch bieten.

Das algerische Zustände zusehends auch in Europa transportiert werden, beweist der „Freiheitskampf“ des Algeriers Rachid Nekkaz, der einen Fond gründete, aus dem die Strafe für verurteilte vollverschleierte Frauen bezahlt werden. Dabei sieht er seinen „Freiheitskampf“ in der Verschleierung der Frau und begreift seinen Kampf in der Tradition von Hegel und Kant.[4] Das Kopftuch ist mittlerweile zu einem Kampfplatz westlicher und islamischer Machtverhältnisse geworden. Während bis in die 1970er Jahren hinein, Länder wie Algerien oder Marokko kopftuchtragende Frauen eine Seltenheit darstellten, kam mit der Erstarkung des fundamentalistischen Islams auch das Kopftuch in den Köpfen und auf dem Haupt der Frau. Das bedeutete unter diesen Umständen, dass die Kopftuchdiskussion zwischen Islam und Westen lediglich zwischen Fundamentalisten und dem Westen sich erstreckt. Und wenn diese Eingrenzung auf einen fundamentalistischen Islam nicht hingenommen werden kann, dann führt das zu Konsequenz, dass zwischen einem fundamentalistischen und einem Islam kaum nennenswerte Unterschiede gibt.

[1] Vgl. https://www.thenational.ae/world/algeria-s-pluralism-under-threat-1.143648
[2] Vgl. http://diepresse.com/home/leben/mode/756396/Algerien_Wir-wollen-Revolution-an-Wahlurnen
[3] Vgl. https://mobile.nytimes.com/2016/12/16/opinion/extinguishing-free-expression-in-algeria.html
[4] Vgl. http://cicero.de/aussenpolitik/algerier-bekaempft-burka-verbot-frankreich-ein-freiheitsfeindliches-intolerantes-europa-der

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