Die instabile Moderne – Der Widerstand des Fundamentalismus

21. Dezember 2019 0 Von Markus Hahn

Die Moderne schöpft nach Habermas  ihr Selbstverständnis und ihre Identifikation aus sich selbst heraus und ist demnach nicht mehr wie andere Kulturen von externen metaphysischen Merkmalen und Faktoren zur Identifikationsfindung abhängig. Sie stellt ein offenes Experiment mit ungewissen Ausgang dar. Dieses Experiment stellt hohe Anforderungen an die Menschen, es ist im höchsten Maße ambivalent, gerade in Bezug auf Stabilität und tradiertes Wissen sowie Normen, Gebote und Richtlinien auf Basis von unveränderlicher göttlicher Basis. Die Moderne drückt sich daher vor allem dadurch aus, dass „Ankerpunkte“ im Sinne Salamuns, ihre Bedeutung für die heranwachsende Generation verloren haben. Tradierte Normen und Gebote in früheren Kulturstufen waren eine perfekte Verhaltenssteuerung für die Menschen und hinterließen nur einen schmalen Raum für kritische Fragestellungen. Dadurch wurden auch die Werte mitdefiniert, der religiöse Mensch befand sich in einer starken Abhängigkeit zu der göttlichen Gewalt und war dem Unverfügbaren gegenüber weitgehend ausgeliefert. Die Angst und Unsicherheit führten zur Herausbildung eines magisch-mythischen Glaubenssystems, mit dessen Hilfe nicht nur Schutzgötter angerufen werden konnten, sondern es wurde auch aktiv die Möglichkeit gegeben die Räume, welche ansonsten den Menschen verschlossen blieben, zu gestalten. Die Ordnung des gesamten Kosmos wurde durch die göttliche Macht bestimmt und wies jedem Lebewesen eine sinnerfüllende Rolle zu.

Das Infragestellen der Selbstverständlichkeit

Seit der Aufklärung erfährt das Verständnis, welches davon ausgeht, dass eine höhere Macht eine Ordnung vorgibt, eine umwälzende Veränderung. Das strenge Glaubenskonstrukt wird infrage gestellt und die Ausübung von Religion wird in den Bereich der Vernunft verschoben. Damit erfährt aber auch jegliche Legitimation und Rechtfertigung eine Transformation, sie wird in den Menschen selbst als letztgültige Instanz verlagert. Das drückt sich vor allem durch ein steigendes Interesse und Bemühen um ethische Richtlinien aus. Antworten auf dringende, lebensgestaltende Fragestellungen können nicht mehr außerhalb, in einem transzendenten und metaphysischen Rahmen gefunden werden, sondern sie entwickeln sich auf der Basis des Zusammenlebens der Menschen selbst. Die Legitimation von Handlungen und Verhaltensweisen kann nicht mehr auf Gott zurückgeführt werden, sondern es bedarf einer eigenen Reflexion. Das fördert die Unsicherheit des Beständigen.

Thomas Meyer schreibt passend dazu:
Zuerst fiel die Metaphysik, dann die Kosmologie, die Religion, die Tradition und schließlich auch die fraglose Verlässlichkeit der jeweils eingelebten Lebensform als Gewissheit stiftendes Fundament.

Die fraglose Verlässlichkeit wird vor allem durch ein pluralistisches Angebot von gleichzeitigen alternativen Möglichkeiten aufgebrochen. Die Moderne gilt als die Epoche der Gleichzeitigkeit und der Unendlichkeit sämtlicher Möglichkeiten.

Die Entwicklung zur Moderne vollzog sich nicht in einem kontinuierlichen Prozess, sondern fand in Schüben statt. In zyklischen Abläufen wurden Epochen aufklärerischen Inhalts mit verklärenden Bedeutungen abgewechselt. Diese Schübe der Entwicklungen hin zur Moderne wurden immer wieder behindert. Der ersten Phase der Aufklärung folgte die Epoche der Romantik, jene Epoche, in der die beständige Suche nach der Absolutheit fortgesetzt wurde. Die Projektion der Göttlichkeit fand ihren Widerhall in der Seele, in der Empfindsamkeit, als eine Gegenwirkung zu der rationalisierenden und kalkulierenden aufklärerischen Epoche. Die fortschreitende Industrialisierung sowie die damit zusammenhängende wirtschaftliche Veränderung, verdrängen die geistigen Fundamente des Mittelalters beinahe vollständig. Die so entstandene Lücke wurde in Rückgriffen auf das Mittelalter erfolgreich geschlossen. Im 19. Jahrhundert war die Industrialisierung in Europa auf ihren vorläufigen Höhepunkt angelangt und zeigte sich einerseits in einem materiellen Aufschwung und Produktionsleistung, andererseits aber in einer Destruktion geistiger Haltungen und Werte. Die darauffolgende epochenmachende Geisteshaltung formulierte nicht nur Kritik und Anklage gegen eine „seelenlose Maschinerie“, sondern implementierte auch die Widersprüche und Kälte in eine romantische Kunstvorstellung. Gerade diese Bewegung gegen die „Kultur der Technik“ wollte die „Kultur“ im eigentlichen Sinne retten, weil diese durch die Technik verloren gegangen war und durch eine Oberflächigkeit und Flüchtigkeit ersetzt wurde.

Der Nationalismus erreicht die Jugend

Der Epoche des Nationalismus gelang es wie bisher kaum einem anderen System, die größtenteils jugendliche Bewegung erfolgreich zu instrumentalisieren und sie mit dem Ziel eines zivilisatorisch-feindlichen fundamentalistischen Aufstandes zu integrieren. Ohne Zweifel hätte der Nationalismus ohne interne Probleme, Widersprüche und die erfolgreiche Instrumentalisierung der Massen keinen so großen Erfolg gehabt und eine wesentlich kleiner Wirkung ausgeübt. Das vorherrschende raue, zivilisationskritische und nationalistische Klima in Europa führte dann, in Zusammenhang durch gezielte Propaganda, zu einem „Kollaps“ der europäischen Geschichte. Aus der Retroperspektive lässt sich ein ähnlicher Kollaps der arabischen Kultur seit der Kolonialzeit ebenfalls nachzeichnen. Der anfängliche Widerstand gegen westlichen Besatzer und der arabische Frühling, konnten durch gezielte Propaganda instrumentalisiert werden, sodass sich beinahe in allen muslimischen Ländern islamistische und jihadistische Gruppen bilden konnten.

Die damalige Bewegung des Nationalismus gegen die Moderne in Europa war beeinflusst von der Kälte und der Zerrissenheit der Gesellschaft, welche durch Industrie und Technik bestimmt wurde. Die entfremdeten Menschen sehnten sich nach einer Kultur der Symbiose von Individuum und Natur und einem verstärkten Rückhalt der familiären Strukturen. Auch wenn der Nationalsozialismus in Deutschland brutale und menschenverachtende Auswüchse hatte, zeigte sich dennoch das Muster von Modernität und romantisierende Verklärung in Rückgriffen auf vergangene Epochen. Gerade der Nationalsozialismus griff epische Mythen auf und implementierte diese erfolgreich in sein Programm der Instrumentalisierung. Der Nationalsozialismus gilt in den Augen von Meyer, als der erste fundamentalistische Aufstand gegen die Moderne, welcher sämtliche Grenzen überschritt und sich zu einem Weltmaßstab errichtete. Damit erreichte der Nationalsozialismus eine Stufe, welche sich nicht nur auf lokale Strukturen und nationale Bewegungen beschränkt hatte, sondern vielmehr einen weltweiten massiven Einfluss ausübte. Die Ambition des „Islamischen Staates“, erweitert die Position und den Anspruch des nationalistischen Deutschlands und hebt die faschistische Ideologie auf einer noch größeren Ebene. Ausgehend vom gesamten Nahen Osten soll ein globales Kalifat entstehen, dass sämtliche künstliche Grenzen hinwegfegt und alle wahren gläubigen Menschen vereint.

Zerstören plurale Optionen die Sicherheit?

Was aber macht die Moderne mit ihrer pluralistischen Ausrichtung zu dem instabilen Konstrukt, in dem Sicherheit und Stabilität für immer mehr Menschen scheinbar verloren gegangen sind und die sich deswegen ideologischen Gruppen anschließen? Es ist die generalisierte Ungewissheit und die generalisierte Offenheit der modernen Gesellschaft, die zu einem starken Verlust der Sinnfindung führen. Der Sinn und die Gestaltung des eigenen Lebens liegt vor allem in der Leistung des Subjektes. Es wird auf sich zurückgeworfen und muss aus sich selbst heraus die Möglichkeiten erschaffen. Eine Absolutheit, wie es eine metaphysische Instanz darstellt, konnte den aufgeklärten Skeptikern und Kritikern kaum standhalten und wurde an den Rand der Gesellschaft bzw. in die Privatsphäre gedrückt. Zwar darf in diesem Zusammenhang die Kraft von Religionen nicht vernachlässigt werden, aber sie haben dennoch ihre absolute Autorität sowie die absolute Gewissheit in säkularisierten Gesellschaften weitgehend verloren. Mit dem Ende des Mittelalters zerbrach allmählich das holistisch geschlossene und einheitliche Weltbild und wurde durch eine ständige Suche nach der Erinnerung jener vorherrschenden Gewissheit abgelöst. Gott büßte seine Allmacht ein.

Die Moderne verknüpft mit dem Fortschrittsgedanken, hat sich gerade durch die massiven technischen Innovationen in eine Situation gebracht, in der innere Widersprüche immer deutlicher werden. Die Zukunft galt gemeinhin als der Zustand, welcher eine Verbesserung des Status quo mit sich brachte. Bei Marx entwickelte sich die Zukunft in eine klassenlose, sozialistische Gesellschaftsordnung. In religiös geprägten Gesellschaften fand eine Erlösung im zukünftigen Jenseits statt. Aber durch die Transformation des erlösenden Jenseits in eine überfüllende, überfordernde und unsichere Situation im Diesseits, hat die gestaltende Kraft des Jenseitsgedankens auch ihre Funktion bei der Verhaltenssteuerung und Hoffnung weitgehend verloren. Dass der zu erwartende Zustand nicht erreicht wurde, spielt dabei kaum eine relevante Rolle, vielmehr zeigt es deutlich auf, dass es ein Versprechen gab, dass die zukünftigen Gesellschaftsformen besser wären als die gegenwärtigen.

Durch die Möglichkeiten und die steigenden Gefahren, welche von der Moderne ausgehen, werden die Zukunftsszenarien aber immer düsterer. Nicht nur die Möglichkeit einer globalen Vernichtung durch atomare, chemische oder biologische Waffen stellt eine reale Bedrohung dar. Auch das „friedliche“ Handeln des „modernen Menschen“ kann ökonomische oder ökologische Katastrophen auslösen und ist somit zu einer ständigen Bedrohung geworden. Damit schwindet natürlich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Somit stell die Moderne jene Epoche dar, welche eine heilsbringende Zukunft nicht nur erschwert, sondern zumindest in Teilen als unmöglich erscheinen lässt. Es wundert daher kaum, wie Meyer feststellt, dass der hoffende Glaube, die Moderne heile jene Wunden, die sie unermüdlich selbst schlägt, immer weiter abgeschwächt wird. Die Moderne erschafft daher aus sich selbst heraus eine ungewisse Zukunft, die Erlösung oder das Heil kann unter diesen Umständen nicht mehr in der zukünftigen Entwicklung gefunden werden.

Der Widerstand gegen die Moderne

Auch wenn die Moderne großflächig und global betrachtet viele Strukturen aufgelöst hat, so ist sie dennoch nicht vollständig in das geistige Erbe eingedrungen und konnte diesen „DNA-Code“ nicht gänzlich verändern. Es sind regionale Traditionen und Glaubensinhalte, welche der Entwicklung der Modernität weiterhin standhalten können. Die Moderne mit ihren Demokratieprozessen, den Menschenrechten, der Würde des Menschen, die individuellen Freiheiten, die Möglichkeiten der autonomen Entfaltungsmöglichkeiten und der Partizipation an sozialen und politischen Prozesse, ist aber, mit einigen wenigen Ausnahmen, ein Produkt des Westens geblieben. Die Moderne hat sich zwar auch in den religiös-islamischen Ländern ausgebreitet, nur war diese Entwicklung nicht durch einen Prozess der inneren aufgeklärten und liberalen Theologie zu verdanken, sondern fand hauptsächlich durch die Kolonisation des Westens statt. Genau wie es Phasen der Modernisierung vor allem durch Großbritannien und Frankreich gegeben hat, hat dies gleichzeitig Reaktionen von fundamentalistische Bewegungen hervorgerufen. Es wundert daher kaum, dass der stärkste Widerstand gegen die Moderne aus eben diesen Gegenden und Ländern kommt und immer mehr sich in Europa ausbreitet. Das Spiel, dass die Ideologen des Widerstandes gegen die Moderne mitten in Europa treiben, führt nicht nur zu massiven gesellschaftlichen Spannungen, sondern bildet auch den Nährboden für radikales Gedankengut. Die Moderne, so offen und tolerant sie sich gibt, so kalt und herzlos kann sie sein. Europa muss den Kampf gegen fundamentalistisches Gedankengut intensivieren um gesellschaftliche Konflikte zu verhindern. Besonders der religiöse Fundamentalismus kann als eine moderne Antimoderne Widerstandsideologie verstanden werden.

Immanuel Kant, „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“
Thomas Meyer, „Fundamentalismus“

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