Die Idee eines Euro-Islams

Die Welt im Wandel, Euro-Islam
@Geralt/Pixabay

Die grundlegende Idee dieser Vision besteht in der Hoffnung von starken europäischen Einflüssen auf den in Europa gelebten Islam. Die Transformation des Islams in eine europäische Version des Glaubenssystems soll dabei für migrierte Muslime eine Möglichkeit der Akzeptanz der europäischen Werte bei Beibehaltung vieler religiösen Elementen darstellen. Dieser Hoffnung, dass ein Euro-Islam, wie ihn unter anderem Bassam Tibi fordert, in Europa sich entwickelt, stirbt in Anbetracht der zunehmenden politischen Dimension der islamischen Diaspora und der „Erwachung der islamischen Diaspora“ immer mehr.

Durch die verstärkte Präsenz der Muslime in Europa verschwimmen immer mehr die klaren Abgrenzungen, was eindeutig „islamisch“ und klar „europäisch“ ist. Nicht nur, dass muslimische Migranten immer mehr europäische Werte und Verhaltensmuster übernehmen, auch Europa macht Zugeständnisse und kommt Forderungen der muslimischen Gemeinschaft nach. Das verdeutlich auch, dass der Islam sich gerade in einem Umstrukturierungsprozess befindet und es zu einer Anpassung an einen „Euro-Islam“ zumindest in Ansätzen kommt. Aber gleichzeitig, und darauf weisen vielen Kritiker hin, kommt es zu einer Anpassung Europas an Vorstellungen des Islams. In diesem Spannungsfeld liegt die Chance für die Neugestaltung eines Islams europäischer Prägung.

Die Idee eines Euro-Islams umfasst vor allem die Ablehnung des Jihad, die strikte Zurückweisung einer Rechtsgrundlage auf Basis der Scharia als auch bedingungslose Akzeptanz europäischer „Kernwerte“. Ebenso muss die Idee eines Kalifats, die vermeintlich religiösen Geschlechtsunterschiede und religiösen Dogmen zugunsten eins dynamischen und selbstkritischen Verständnisses aufgegeben werden.  Ein Umstand, der heutige Muslime weltweit vor einen schweren Lern- und Öffnungsprozess stellt. Auch die Hoheit der tradierten islamischen Quellen, allen voran die Lehren des Korans, müssen einer philosophischen und kritischen Prüfung unterziehen.

Doch als ideologische Grundlage der muslimischen Diaspora gilt der unveränderte Koran, dessen Lehren mehrheitlich die Lebensführung der Muslime bestimmt. Das Verhalten der Muslime soll, nach der tradierten Meinung, nach dem Vorbild ihres Propheten gestaltet werden. Dies wird als grundsätzliche Bedingung für das „Muslimsein“ immer relevanter. Damit wird die aber Integrationsfähigkeit der Muslime deutlich herabgesetzt. Den Koran als Gesetzesgrundlage heranzuziehen, ist mit einem Euro-Islam nach dem Vorbild Tibis nicht umsetzbar. Allerdings kann der Koran als Lebensanweisung, als moralische Orientierungsgrundlage für die muslimische Gemeinschaft durchaus herangezogen werden, nicht aber als Gesetzesbuch.

Eine Öffnung tradierte Vorstellungen kann durch einen fruchtbaren kulturellen Dialog stattfinden, der angesichts der vielen Spannungen immer notwendiger wird. Zu einem offenen Dialog zwischen den Kulturen gehört auch das kritische Hinterfragen von Traditionen und Werten. Der Dialog stellt eine große Herausforderung insbesondere für die Muslime dar, weil bestimmte Elemente des Islams nicht diskutierbar und mit den europäischen Grundwerten vereinbar sind. Es darf aber zu keiner Zensur oder Tabuisierung von bestimmten Inhalten kommen, weil dadurch offensichtliche Probleme unterdrückt werden.

Es liegt noch viel Arbeit vor uns. Einerseits muss Europa sich stark für die eigenen Werte machen, anderseits einen offenen Dialog führen. Auch Muslime müssen sich kritisch ihren Vorstellungen und ihrer Vergangenheit stellen und sozial nicht verträgliche Elemente konsequent zurückweisen. Erst dann kann es gelingen, die vielen kleinen ideologischen Brandsätze des tradierten Islams zu entschärfen.

Buch: Bassam Tibi, Der Euro-Islam

 

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