Die ersten philosophischen Ansätze im arabischen Raum

slamische Philosophie
@chenspec/Pixabay

Anders als oftmals im Westen oft angenommen, hat der arabisch-islamische Kulturraum eine breite philosophische Lehre und Schulen entwickelt. Erste konkrete Ansätze philosophischen Denkens und Staunen lassen sich bereits im 9. Jahrhundert erkennen. Das Aufkommen der philosophischen Strömungen kann als ein umfassender intellektueller Prozess verstanden werden, wobei viele antike Elemente Eingang in das Nachdenken der islamischen Philosophen fand.

Bereits im 7. Jahrhundert, nach den großen islamischen Eroberungen weiter Teile des byzantinischen Reiches und der Eroberung des Sassanidenreiches kamen die Muslime mit fremden kulturellen Lehren und Sprachen in Berührung. Die eroberten Kulturen besaßen eine hellenistische, christliche, iranische oder persische Vergangenheit. Mit den vielen Eroberungen kam die islamische Kultur mit vielen dieser kulturellen Elemente in Berührung und griffen diese reflektierend auf. Waren diese kulturellen Begegnungen anfangs nur sehr oberflächig und lose gestaltet, entwickelte sich im aufkeimenden 8. Jahrhundert eine systematische Auseinandersetzung mit dem antiken kulturellen Erbe. Vor allem aus dem griechischen Raum wurden vollständige Texte in das Arabische übertragen, aber auch persische und syrische antike Literatur fand ihren Eingang. Damit begann die große Übersetzungsarbeit der Muslime, die bis in das 10. Jahrhundert anhalten sollte und die zukünftige Basis der europäischen Geistergeschichte nach dem bitteren Mittelalter legen sollte.

Die Förderung brachte den Aufschwung

Die Gründe dieser kulturellen Blütezeit der islamischen Kultur lassen sich sicher auf viele Motive zurückführen. Einzelne Akteure wie der Kalif al-Mamûn (Regierungszeit 813-833) förderten den kulturellen Wissensdrang des ersten großen islamischen Reiches. Aber auch politische, ökonomische sowie wissenschaftliche Interessen beeinflussten die Übersetzungsarbeiten der Gelehrten. Die Muslime waren zum ersten Mal herausgefordert, ein riesiges Weltreich zu regieren, dass differente kulturellen Gegensätze in sich vereinte. Die Herausforderungen waren mannigfaltig und reichten von der Steuerverteilung und Eintreibung, über Verwaltungssprache oder militärische Organisationen. Die bisherigen arabischen Instrumentarien waren für diese Aufgabe nicht geschaffen. Man brauchte eine funktionierende Mathematik für die Verteilung der Steuerlast, medizinische Kenntnisse zur Heilung von Kranken und Versorgung verwunderter Soldaten, Fachwissen in der Landwirtschaft und sogar die Ausübung und Organisation der Religion benötigte profane Kenntnisse. Zur Kartografierung des Reiches wurde die Astronomie benötigt und die Verwaltung erforderte einheitliche Standards. Die antiken Quellen lieferten hier überraschend viele Antworten, weshalb die Rezitation dieser Schriften einen enormen Aufschwung ermöglichten. Anstatt umständlich neue Konzepte entwickeln zu müssen, konnten die neuen Herrscher auf bereits erprobtes Modell zurückgreifen, die nur entsprechend angepasst werden mussten.

Besonders die abbasidischen Kalifen ab der Mitte des 8. Jahrhunderts förderten eine starke Aneignung antikem Wissen und Lehren. Nach der Ablöse der Regentschaft der Omaiyaden (661-750) übernahmen die Abbasiden die Herrschaft (750-1258) und trieben die Übersetzungstätigkeiten im islamischen Reich voran. Mit der neuen Herrschaftsdynastie trat auch ein andere Herrschaftsgedanke zum Tragen. Die Kalifen wollten nicht mehr die Herrscher einer auserwählte islamisch-arabischen Elite sein, sondern Herrscher aller Muslime und Repräsentanten der vielfältigen kulturellen Erscheinungen in ihrem Reich. Um diesen Anspruch zu untermauern, wurde Bagdad, das in der unmittelbaren Nähe der alten sassanidischen Zentren lag, zur neuen Hauptstadt des Reiches erklärt. Um ihre Herrschaft als rechtmäßige islamischer Nachfolgerschaft zu legitimierten, ließen sie die Propaganda verbreiten, dass nur sie die wahren und einzigen Hütter der iranischen und griechischen Tradition seien.

Die Bedeutung der griechisch-antiken Lehren

Durch die Übersetzungsarbeiten flossen viele griechische Lehren in die islamische Gesellschaft ein. Dadurch wurden erst das islamische freie Denken und Philosophieren angeregt. Nicht nur dass die Lehren entsprechend angepasst werden sollten, sondern auch eigene Fragestellungen entstanden und wollten beantwortet werden. Die Suche nach dem ursprünglichen Sein, nach dem hinter allem Seienden existierenden Etwas begann, die Frage nach dem Ursprung und der Erkenntnisfähig der Menschen. Hat man einmal eine bestimmte Fähigkeit erworben, eröffnet sich ein Spektrum neuer Fragestellungen und Probleme. Wer die Fähigkeit der Astronomie kennt, wird sich weitere Fragen über die Sterne, die Planten und nach dem Ende des Universums stellen. Dieser Geist der Neugier treibt den Menschen in seiner Entwicklung voran, nicht nur in naturwissenschaftlichen, sondern auch in geisteswissenschaftlichen Fragen. Hier entstand eine eigene Dynamik in der islamischen Kultur, die Suche nach der wahren Wahrheit. In dieser Phase wurde nicht nur das antike Erbe aufgegriffen und weiterentwickelt, sondern es kristallisierte sich auch eine eigenständige islamischen Lehre heraus. Besonders im Rechtswesen, in der Theologie, im Staatswesen oder in der Koranexegese entwickelten sich eigenständige islamische Disziplinen. Und hier liegt auch das heutige Dilemma begraben, weil durch das Erstarken der Orthodoxie die philosophischen Zugänge zurückgedrängt wurden und es zu einem Korsett islamischer Lehrmeinungen gekommen ist. Andere Interpretationen als die vermeintlich wahre Auslegung der tradierten Quelle durch orthodoxe Gelehrtengelten als Abweichungen und sind als Häresie verschrien.

 

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