Markus Hahn

Die arabische Halbinsel im Wandel unter Mohammed

Zum Zeitpunkt des Auftretens Mohammeds waren die meisten Stämme auf der arabischen Halbinsel noch Nomaden. Nur langsam entwickelt sich ein niederer Ackerbau und eine einkehrende Beständigkeit und Sesshaftigkeit breitete sich. Die islamische Kultur ist daher maßgeblich durch die Hirtennomaden und Beduinenkultur entschieden charakterisiert. Damals lebten die Menschen in kleinen Sippen eng beieinander. Während bei den Hirtennomaden die Gruppengröße maximal ca. 200 Personen umfasste, besaßen die Ackerbauer bereits doppelt so viele Mitglieder. Durch die Entwicklung des niederen Ackerbaus entstanden die ersten Dorfgemeinschaften und damit auch erste strukturelle Bündnisse.

Das 7. Jahrhundert

Die arabische Halbinsel war geprägt von einer polytheistische Gottesvorstellung. Abbildungen von Göttern, Kultplätze und religiöse Schamane waren im arabischen Raum stark verbreitet. Die Religion war damals noch nicht patriarchal, sondern auch weiblich. Erst durch Mohammed verschwanden die weiblichen Götter vollständig und ein absoluter Monotheismus breitete sich aus.  Die Gottesfigur Allah war bereits den vorislamischen Arabern bekannt, seine drei Töchter allerdings wurden durch das Wirken Mohammed verdrängt und damit wurde der Gotteswelt auch die Weiblichkeit genommen. Heute hat Allah in der islamischen Weltanschauung keine Töchter mehr, er ist der Einzig und Wahre Gott. Der absolute Souverän, dem nichts beigestellt werden darf.

Das frühe Arabien war von drei Seiten von Großreichen eingegrenzt. Zwischen dem römischen Imperium, dem persischen Reich und Äthiopien entwickelte sich der arabische Raum. Äthiopien besaß bereits erste Schifffahrtserfahrungen und eroberte immer wieder Teile des arabischen Kulturraums. Während auch persische Soldaten immer wieder einfielen, kamen aus dem römischen Reich ganz andere Personen und bereicherten die frühe arabische Kultur. Die im römischen Reich verfolgten und vertriebenen Juden und Christen konnten nach Arabien einwandern und fanden hier Schutz vor Verfolgung.  Es kam zu einer starken Verschmelzung jüdischer, christlicher und arabischer Kultur. Das erklärt auch, warum die Anfänge der islamischen religiösen Weltanschauung lange Zeit starke christliche Motive aufwiesen. Mohammed besaß sehr gute Kontakte zu Juden und Christen und wollte diese auch in seine neue Religion miteinbinden. Allerdings lehnten vor allem die Juden viele islamische Vorstellungen als irrationales Konstrukt deutlich ab. Aus der Idee Mohammeds die Gebetsrichtung gegen Jerusalem als heilige Stätte zu richten, nahm er daher wieder Abstand.

Die Verfolgung im byzantinischen Reich begründete sich auf der Streitfrage, ob Maria eine Gottesmutter sei oder nur die Mutter Christus. Die offizielle Staatsreligion vertrat die Annahme, dass Maria eine Gottesmutter sei, hingegen die Nestorianer der Meinung waren Maria sei lediglich die Mutter Christus. Aus diesem Grund kam es zur Verfolgung und Vertreibung der christlichen Nestorianer, welche als Häretiker eingestuft wurden. Diese drängten bei ihrer Flucht den arabischen Raum und brachten wertvolle Kenntnisse, Fähigkeiten und technisches Knowhow mit.

Auseinandersetzung des Propheten mit anderen Gläubigern

Der Koran legt im Grunde zwei Gruppen von Christen fest, jene welche die Botschaft des Korans anerkennen und jene, welche ihn ablehnen. Die Christen mit der ablehnenden Haltung sind der Meinung, dass nur das Christentum der alleinige Heilsweg sein kann. Mit dieser religiösen Einstellung hatten die Muslime aber ihre Probleme, bezweifelten doch die Christen den islamischen Weg. Grundsätzlich aber waren besonders in der vor-islamischen und in den frühen Anfängen des Islams Polytheisten anerkannt und respektiert. Diese tolerante Einstellung wurde mit der Einheit der Botschaft Gottes begründet, welche auch den christlichen und jüdischen Gläubigen geoffenbart wurde. Der Islam propagierte, dass es nur einen Gott gibt und daher seien alle Offenbarungen, christliche, jüdische und islamische, gleichwertig und gleichrangig zu verstehen seien. Diese friedliche und tolerante Sichtweise wurde aber bald abgelegt und der Islam entwickelte eine starke politische und kriegerische Seite.

Diese tolerante Sichtweise der frühen Muslime muss auf den Umstand zurückzuführen sein, dass der Islam eine gesellschaftlich kaum wichtige Bedeutung hatte. Erst mit Anwachsen der Anhängerschaft wurden nicht nur die Ansprüche und Anforderungen konkreter, auch die Intoleranz und die Gewalt zog als strukturelles Element in den Islam ein. Ging es der mekkanischen Auseinandersetzung vor allem um die Frage, ob Mohammed tatsächlich die göttliche Botschaft verbreiten würde oder er ein Dichter mit blühender Fantasie sein, änderte sich das Selbstverständnis der islamischen Gemeinschaft nach der Hidschra zur zum Nachteil Andersgläubiger. Zuspruch erhielt Mohammed vor allen durch die unteren sozialen Schichten, von befreiten Sklaven und Verbrechern. Sie sahen in der starken Sozialkritik, die auch Eingang in den Koran fand, eine Chance der gesellschaftlichen Veränderung. So wurde die islamische Botschaft schon früh zu einer sozialkritischen Revolutionsidee. Reiche Kaufleute und angesehene Personen der führenden Stämme fürchteten hingegen um ihr gutes Ansehen bei Sympathiebekundungen gegenüber der neuen religiösen Doktrin.

Die Hoffnung Mohammeds auf eine religiöse Angleichung mit der jüdischen Glaubenslehre wurde aber von den Juden zerschlagen, es kam zu einem vollständigen Bruch mit den jüdischen Stämmen. Ab diesem Zeitpunkt entwickelt sich der Islam als eine selbständige Religion weiter und sollte bald die Herrschaft auf der arabischen Halbinsel übernehmen. In Medina war Mohammed nicht nur ein Prediger, sondern auch ein Staatsmann, Politiker und Kriegsherr. Auf die hier offenbarten Suren berufen sich die modernen islamischen Extremisten in ihrer Legitimation der Gewaltanwendung. Weshalb die Behauptung, die radikal-islamischen Ansichten hätten mit der islamischen Glaubenswelt nichts zu tun, einfach als eine falsche Ansicht zurückzuweisen ist.

Im Umgang mit Andersgläubigen hat sich im islamischen Verständnis der Begriff „Dhimma/Dhimmis“ eingeprägt, der auch immer wieder als Bestätigung der islamischen Toleranz herangezogen wird. Der Status der „Dhimmis“ gilt als eine vertragliche Absprache von Muslimen und Nicht-Muslimen. Christen, Samariter, Zoroastrianis galten als dhimma/dhimmi und wurden von der muslimischen Gemeinschaft toleriert, sofern sie sich an spezielle Regeln halten. Sie mussten eine Kopfsteuer zahlen, Weinen bei Begräbnissen war verboten, kein lautes Predigen, keine Glocken und keine Pferde als Reittiere. Auch das Tragen von Waffen und Symbolen der eigenen Religion waren streng verboten. Damit erreichten die Muslime eine weitgehende Koexistenz unterschiedlicher religiöser Weltanschauungen, bildeten aber die Deutungshoheit und diktierten weiterhin die Gesetze. Dieser gesellschaftliche Zustand gilt gemeinhin als gelebte islamische Toleranz des frühen Islams. Diese Lehren sind weiterhin Bestandteil der ideologisch-islamischem Weltanschauungen und werden immer wieder von islamischen Gruppen reaktiviert.