Die Anziehungskraft fundamentalistischer Systeme

29. März 2020 0 Von Markus Hahn

In einer offenen und pluralistischen Welt, in der unterschiedliche Glaubenssysteme und Normen in einem ständigen offenen Dialog stehen, kann keine gesicherte und eindeutige Struktur entstehen. Vielmehr kommt es laufend zu Veränderungen, Adaptionen und Integration von fremden Elementen. Aus dieser Unsicherheit und Unbeständigkeit heraus, lässt sich ein erster Ansatz finden, um die Anziehungskraft von eindeutigen Systemen zu verdeutlichen. In fundamentalistischen Weltbildern sind klare und eindeutige Auffassungen der Welt vorgegeben. Andere Sichtweisen werden nicht anerkannt, höchstens noch als falsche Auslegung nach dem Ethos der Toleranz akzeptiert. Damit werden Klarheit und Einzigartigkeit vermittelt, welche in einer offenen Gesellschaft nicht umgesetzt werden können. Mit dieser Auffassung werden auch bestimmte Rollen und Funktionen verteilt. So führt die Auffassung eines gerechten Märtyrers dazu, dass dieser nach erfolgreichem Attentat ins Paradies kommt, während anderen der Zutritt dazu verwehrt bleibt.[1] Auch sind die Rechte und Pflichten der Frauen und Männer streng strukturiert, jedem Mitglied wird eine bestimmte Funktion zugewiesen. Diese klare Zuordnung des Zuständigkeitsbereiches weist jedem Individuum auch eine vorgegebene Sinnhaftigkeit vor. Aus der als sinnlos verstandenen Existenz in einer offenen Gesellschaft, gelingt die Integration von Mitgliedern durch das strenge Zuweisen von Aufgaben.

Auf einen wichtigen Umstand verweist Salamun, indem er aufzeigt, dass es zwischen dem Individuum und dem Allgemeinen eine deutliche Spannung gibt.[2] Besonders emotionale Bedürfnisse können durch ein ganzheitliches fundamentalistisches System befriedigt werden. Salamun führt u.a. an, dass das Bedürfnis nach Sicherheit, Einfachheit und Eindeutigkeit von diesen Systemen ermöglicht werden kann.[3] Es handelt sich daher um jene Werte und Bedürfnisse, die in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft verloren gegangen sind. In der modernen Gesellschaft sind ein Überangebot und eine Gleichzeitigkeit von sämtlichen Möglichkeiten, oftmals eine Überforderung für den einzelnen Menschen.

Fundamentalistische Interpretationen durchbrechen eben diese Vielschichtigkeit und vereinfachen die Weltkomplexität. Gerade diese radikale Reduktion auf eindeutige Verhältnisse und eindimensionale Weltbilder führt dazu, dass eine Sicherheit bezüglich der eigenen Position erreicht wird. Der „Druck der Realität“, wie Sigmund Freud es nannte[4] kann somit gemindert werden, da sämtliche Emotionen in der Gemeinschaft verteilt werden. Die persönliche Leiderfahrung wird dahingehend abgeschwächt, dass durch den herrschenden Sinnhorizont Vorteile, gerade wenn ein zukünftiges Szenarium wie einen einheitlichen „Islamischen Staat“ entworfen und angestrebt wird, entstehen und die subjektiven Erlebnisse einen wichtigen Beitrag zur Erreichung des Ziels leisten. Hier lässt sich ein utilitaristisches Prinzip deutlich erkennen, denn das gesamte Projekt untersteht dem Ziel, dass alle Mitglieder in einem zukünftigen Szenarium in einer einheitlichen Gemeinschaft leben, wobei jeder Einzelne dem übergeordneten Gesamtziel funktional untergeordnet wird. Die fundamentalistische Gruppierung bietet ihren Mitgliedern nicht nur einen Sinnhorizont, sondern ermöglicht auch eine Umsetzung von Bedürfnissen und Wünschen. Die Idealisierung eines Ziels überbrückt daher auch die negativen Aspekte einer solchen Bestrebung.

Einen weiteren Grund für die starke Anziehungskraft liefert Arnold Hottinger, der daraufhin weist, dass es einen direkten Zusammenhang der sozialen Situation und des Bildungshintergrunds sowie Anschließung von radikalen Gruppen gibt.[5] Somit wird auch gerne immer wieder das Argument angeführt, dass die vermeintlich in die Enge gedrängten Muslimen nur mehr als einen Ausweg eine radikale Sprache geblieben sei. Der „Befreiungskampf“ wird daher zur Lösung der islamischen Probleme hochstilisiert.

Den fundamentalistischen Gruppierungen in Europa muss mit einer rational-philosophischen Analyse begegnet werden. Erst durch Identifizierung problematischer Denkfiguren und sozial problematischen Weltbildern, kann eine Relativierung stattfinden. Dazu braucht es aber endlich einen ehrlichen Dialog und eine kritische Auseinandersetzung jenseits von populistischen Machtkämpfen.

[1] Vgl. Leonardo Boff, „Fundamentalismus und Terror“, Seite 38
[2] Vgl. Kurt Salamun, „Fundamentalismus – Versuch einer Begriffserklärung“ in: „Fundamentalismus interdisziplinär“, Seite 40
[3] Vgl. Kurt Salamun, „Fundamentalismus – Versuch einer Begriffserklärung“, in: „Fundamentalismus interdisziplinär“, Seite 40
[4] Vgl. Sigmund Freud, „Das Unbehagen in der Kultur“
[5] Vgl. Arnold Hottinger, „Islamischer Fundamentalismus“, Seite 10

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