Der fatale Stolz der Muslime

pixabay.com /OlgaozikDer Muslim und Produzent Walid Nakschbandi fordert in seiner „Streitschrift“ muslimische Mitbürger zu mehr Stolz und zu einem „Befreiungskampf“ gegen eine vermeintliche Unterdrückung und Diskriminierung auf. Mit einer solchen gefährlichen Forderung offenbart Nakschbandi aber, dass statt auf Integration oder Dialog, soll auf eine Befreiung durch Kampf gesetzt werden. Wie dieser Kampf aussehen kann, lässt er freilich geschickt offen, doch kann dies auch schnell als Aufforderung zur Gewaltanwendung verstanden werden. Dabei ist das „Stolzsein als Muslim“ ein durchaus problematischer Zustand. Suggeriert diese Forderung doch, dass islamische Werte und Vorstellungen immer dann über westlichen Lebenskonzepten stehen, wenn diese sich widersprechen. Der tradierte und unreformierte Islam bietet genügend Potential zu einem „offenen Angriff“ und „theologischen Widerstand“ gegen die westliche Kultur. Anstatt diskriminierte Menschen zu unterstützen, sollen dem Autor nach, Muslime in Deutschland die Basis ihrer Werte aus dem Koran entlehnen und mit dieser Lebensvorstellung als eine kollektive soziale Einheit „Sturm“ laufen. Den Stolz der Muslime als reaktives „Kampfpotential“ zu nutzen, ist längst erfolgreiche Strategie von Extremisten, nun wird diese Strategie offenbar salonfähig als eine neue Dialogform vorgeschlagen. Damit schlägt der Autor, wenn auch in einer entschärften Version, in die gleiche Kerbe wie der Extremist Abul a’la Maududi, der im Islam ein Programm der Revolution und der sozialen Neugestaltung sieht.[1]

Falscher Stolz?

Die neue Generation der Muslime in Europa ist mehrheitlich schon in der westlichen Kultur geboren und aufgewachsen. Es besteht zwar noch ein Migrationshintergrund der früheren Generationen, aber die persönliche Identifikation besteht vor allem in Bezug auf die europäische Heimat. Es ist daher auch ein Wandel in ihrer Wahrnehmung und in den Ansprüchen gegenüber ihrer Heimat zu bemerken. Diese neue Generation ist Teil dieser Gesellschaft und tritt auch selbstbewusster und fordernder auf. Ihre Zukunft liegt mitten in Europa, nicht etwa in der Türkei, in Algerien oder in Marokko. Auf der Suche nach einer gemeinsamen Identität in einer säkularen Gesellschaft wird die Religion zum Kriterium dieser neuen Identität, aber auch zur Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen. Viele islamistische Gruppen bieten Jugendlichen einen gemeinsamen Sinn, eine einheitliche Gemeinschaft und eine Ideologie des Widerstandes an, sie verbreiten hier ihre gefährliche Ideologie.[2]  Diese kämpferische Ideologie bietet nicht nur eine neue Identität, sondern sie beansprucht auch eine Veränderung der westlichen Kultur nach islamischen Vorstellungen. Dabei werden die Vorstellungen der islamischen Länder idealisiert und auf Europa übertragen. Diese Mischung der „Tradition“ der ehemaligen Herkunftsländer und der westlichen Moderne kann zu einer Abspaltung der Muslime von der Mehrheitsgesellschaft führen.

Die gemeinsame Logik der islamischen Weltanschauung in der europäischen Diaspora stellen die verbindlichen Maßstäbe der Religion dar. In den Predigten wird ein stark dichotomes Weltbild vertreten, das ein moralisch religiös Erlaubtes und ein Verbotenes enthält. So entsteht ein fixer Katalog von Haram- und erlaubten Halal-Inhalten, die eine ganze Generation prägen. Während grundsätzlich die westliche Kultur als verwerflich verstanden wird, sind die Glaubensinhalte des Islams erlaubt und zeitlos und für alle Muslime verbindlich.[3] Die „wahren“ Muslime sind selbstbewusster, weil sie sich moralisch den „anderen“ Muslimen und allen Ungläubigen überlegen fühlen. Daraus entwickelt sich das Bewusstsein der „rechtgeleiteten“ Muslime, deren Überspitzung in Gewalt und Terrorismus mündet. Der Koran verbietet bereits die Freundschaft zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, generell dann, wenn die Herrschaft nicht bei den Muslimen liegt. So heißt es in der Sure 4,89/90:

Sie (Ungläubige) möchten gern, daß ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, so daß ihr (alle) gleich seiet. Nehmt euch daher von ihnen keine Vertrauten, bevor sie nicht auf Allahs Weg auswandern! Kehren sie sich jedoch ab, dann ergreift sie und tötet sie, wo immer ihr sie findet, und nehmt euch von ihnen weder Schutzherrn noch Helfer, außer denjenigen, die sich einem Volk anschließen, zwischen dem und euch ein Abkommen besteht, oder die zu euch gekommen sind, weil ihre Brüste beklommen sind, gegen euch zu kämpfen oder gegen ihr (eigenes) Volk zu kämpfen. Und wenn Allah gewollt hätte, hätte Er ihnen wahrlich Gewalt über euch gegeben, und dann hätten sie gegen euch wahrlich gekämpft. Wenn sie sich jedoch von euch fernhalten und dann nicht gegen euch kämpfen, sondern Friedensanbieten, so hat euch Allah keine Veranlassung gegeben, gegen sie (vorzugehen).[4].

In dieser Sure verdeutlicht sich das ganze strukturelle Desinteresse an einer möglichen Integration oder gemeinschaftlicher Partizipation. Vielmehr streben die Muslime nach einer homogenen Einheit, nach der Islamisierung der Welt, sofern nicht aufklärerische Konzepte diesen Kreis zu durchbrechen mögen.

Europa wird zur Zielscheibe

Die von Nakschbandi geforderte islamische Position gleicht einem muslimischen Identitätstrauma. Es kommt zu einem umso stärkeren Klammern an Überlieferungen und Traditionen, je offener und liberaler der Europäische Islam wird. Dieser Kampf um die Identität der Muslime kann zu einem offenen Konflikt werden. So wie der radikale Extremismus den Terrorismus und ein faschistisches Staatengebilde herausgebildet hat, können extremistische Strömungen in Europa Gewalt und kulturelle Konflikte erzeugen. Demokratie, Liberalismus oder Humanismus sind aber seit jeher Konzepte, die nur schwer mit der Tradition des Islams vereinbar sind, auch wenn liberale Denker und Reformer immer wieder entsprechende Konzepte ausgearbeitet haben, führt das nur zu einer Begründungsverschiebung. Letztlich wird versucht, Demokratie oder Humanismus durch den Koran zu legitimieren. Wünsche, Werte, Ideen und Bedürfnisse sind, sofern sie nicht aus der Natur des Menschen entstammen, das Resultat der herrschenden Überzeugungssysteme. Sie sind daher bestimmte Größen in einem System und werden von deren Prämissen geformt.[5] Aus diesem Grund ist auch das neue Selbstbewusstsein der Muslime erklärbar, aus dem immer mehr politische Forderungen auf Basis der traditionellen islamischen Überlieferung formuliert werden. Heutige Muslime kommen nicht mehr als die überlegene ethnische Kultur, sondern als „soziale und ethnische Unterklasse“[6] nach Europa. Die schnellen Erfolge der Eroberungszüge in den Anfängen des Islams sind heute nicht mehr denkbar. Aus der Frustration der tatsächlichen Unterlegenheit in Verbindung mit den mythischen Allmachtsfantasien ergebenen sich mannigfaltige Konfliktpotentiale.

Solange Autoren wie Nakschbandi fordern, dass Muslime „Aufbegehren“ kann sich kein offener Dialog bilden. Vielmehr bedarf es eine Dialogform an denen alle Menschen und Gruppen beteiligt sind. Ich forder keineswegs eine Entschuldigung von unbeteiligten Muslimen bei terroristischen Anschlägen, aber eine viel deutlichere Distanzierung und eine offene und ehrliche Debatte über das Gewaltproblem im Islam. Nicht Muslime als solche sollen sich gegen jegliche Diskriminierung wehren, sondern ALLE Menschen die Opfer von diskriminierenden Verhalten geworden sind.


[1] Vgl. Abul a'la Maududi, Als Muslim leben, Seite 5.
[2] Vgl. Ahmad Monsour, Generation Allah, Seite 28.
[3] Vgl. Abdel-Hakim Ourghi, Reform des Islams, Seite 145.
[4] Sure 4,89/90.
[5] Vgl. Peter Tepe, Ideologie, Seite 46.
[6] Vgl. Bassam Tibi, Der Euro-Islam, Seite 73.
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