Den islamischen Fundamentalismus aufbrechen

verhüllte Muslima
@Walkerssk /Pixabay

Für viele Muslime stellt der Koran das unantastbare göttliche Wort dar, welches weder reformiert noch interpretiert werden darf. Aber genau diese Sakralisierung der Botschaft Gottes führt zu einer gesellschaftlichen Stagnation und zu einem Abgrenzen von der Mehrheitsgesellschaft. Will der Islam ein Teil der Moderne werden und nicht zu einem Fremdkörper sich entwickeln, dürfen die tradierte Quellen nicht als eine wortwörtliche Lebensanweisung verstanden werden. Eine Reform des Islams setzt die Bereitschaft der Muslime voraus, die Kerninhalte der islamischen Lehren vor allem als eine ethische Norm zu verstehen.

Es bedarf ein Abwiegen ethischer Suren gegen kriegerische Inhalte. Werden ethische und liberale Suren stärker gewichtet als kriegerische Einstellungen, können sich die gewaltbejahenden Stellen durch eine kritische Gegenüberstellung auflösen. Die Gewichtung auf ethische Konzepte im Islam, würde den kriegerischen Islam deutlich widersprechen. An dieser Interpretationsweise haben sich bereits viele Denker und Gelehrte versucht, sie alle sehen sich der scheinbar unlösbaren Aufgabe der linearen Offenbarung gegenüber. Nach dem allgemeinen Verständnis wurde der Koran in der Zeit verkündigt und neuerer Suren heben frühere auf. Ein gutes Beispiel stellt das Alkoholverbort dar. War der Konsum alkoholischer Getränke zunächst erlaubt, schränkte Mohammed ihn später zumindest während den Gebetszeiten in den Moscheen ein und untersagte ihn letztendlich vollständig.

Der ethische Zugang

Eine ethische Interpretation der islamischen Quellen kann zu einer Entschärfung führen, doch kratzt die Methode lediglich an der Oberfläche der genetischen Probleme. Es bedarf weit mehr als eine ethisch-historische Lesart konfliktbeladener Suren und Inhalte, vielmehr müssen die gefährlichen Lehren als das identifiziert werden, was sie sind. Als Lehren mit einem gewaltigen sozialen Sprengsatz. Die in ihnen formulierten Machtansprüche und faschistische Aussagen müssen als eine historische Entwicklung verstanden werden, die heute ihre Gültigkeit verloren haben.

Eine reine Interpretation mit einem ethischen Hintergrundwissen des islamischen Textes, reicht nicht aus, um den Islam zu reformieren. Dadurch gelingt es nicht, den Islam in die Moderne zu hieven und ihn in Einklang mit Liberalität, Demokratie und Freiheit zu bringen. Ein historisches Werk, wie der Koran es ist, ist nach dem Kritiker Ebrahim Moosa kaum in der Lage, Gleichberechtigung, Demokratie oder Gleichheit zu entwickeln. Sie ließen sich auch nicht aus ihm herauslesen,[1] vielmehr bedürfe es anderer Methoden. Eine autoritäre Begründung für die Gleichstellung oder die Demokratie durch eine neue ethische Hermeneutik des Korans zu entwickeln, sei demnach bereits von vorne hinein zum Scheitern verurteilt. Ein Vorgehen, in dem der Text neu interpretiert und nach Legitimationen für moderne Werte abgesucht wurde, ist in der Geschichte des Islams immer wieder relativ erfolglos versucht wurden. Die neuen Normen müssen aber auf einen anderen Weg erschaffen werden.

Die geistigen Ketten

Eine andere Methode der Weiterentwicklung des Islams insbesondere bei unklaren Fragestellungen stellt die Methode des Analogieschlusses dar. Dabei werden konkrete Probleme in Analogie zu Aussagen und Lebensweisen des Propheten gelöst. Was auf den ersten Blick nach einer Möglichkeit der Reformierung des Islams aussieht, entpuppt sich aber schnell als eine Verstrickung in die geistigen tradierten Lehren. Es kommt nicht zu einer freien Entwicklung von Ideen und Vorstellung, sondern die Erkenntnisse werden erneut in das religiöse Korsett gedrängt. Die Freiheit als Basis einer liberalen Lebensanschauung, wird somit weitgehend unterbunden.

Imame und religiöse Literatur trichtern den Muslimen immer ein, nur Sklaven Gottes zu sein. Wie kann sich da ein freier, gar ein kritischer Geist entwickeln? Wenn die Menschen nur dann frei sind, wenn sie sich in den Ketten der Islamismus befinden, ist der Freiheitskampf vor allem auf den traditionellen Regeln des Islams begründet. Damit ist auch erklärbar, warum islamistische Gruppen vermehrt den öffentlichen Raum besetzen. Befreiung der Muslime in Europa besteht daher vor allem in der strengen Umsetzung traditioneller Vorstellungen.

Anders als islamistische Lehren begreift der Reformdenkers Mahmoud Muhammad Taha dem Islam als Mahnung und Ermunterung für ein ethisches Leben.[2] Damit hebt er die Vorstellung des totalitäres Normensystem vollständig auf. Vor allem in Mekka basierte die Botschaft des Propheten weitgehend auf einem Toleranz- und Gleichheitsgedanken, der in Medina beinahe ganz verloren gegangen ist. Der medinische Islam ist vor allem durch eine kriegerische Politik gekennzeichnet, die heute ihren Bestand verloren hat, aber im traditionellen Islam weiterhin als starke Denkfigur vorhanden ist. Die in Medina geoffenbarten Suren sind gekennzeichnet von Gewalt, Zwang, Drohungen und der Notwendigkeit des Jihads. Sie dienen den Islamisten als eine legitime Basis ihres Treibens. Europa muss sich auf seinen kritischen Geist besinnen um ein Erstarken islamistischen Denkens zu verhindern.

[1] Vgl. Katajun Amirpur, Den Dschihad neu denken, Seite 41/42
[2] Vgl. Katajun Amirpur, Den Islam neu denken, Seite 44/45

Please follow and like us:

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.