Den islamischen Fundamentalismus aufbrechen

3. Januar 2020 0 Von Markus Hahn

 Samer Chidiac  - PixabayDer Koran als „Gotteswort“ darf nicht wortwörtlich gelebt werden, sondern der Kerninhalt des Islams darf nur als eine ethische Norm begriffen werden, solange diese Vorstellung nicht mit anderen „Systemgrenzen“ in Konflikt gerät. Diese ethischen Kernelemente müssen auf der Basis der Rationalität und des Humanismus herausgearbeitet werden. Eine wortwörtliche Auslebung verneint diese historische Ebene und Bedeutung des Korans und führt unweigerlich zu Konflikten und Machtkämpfen.

Es bedarf ein neues Abwiegen ethischer Suren gegen politische und kriegerische Suren. So verbietet beispielsweise der Koran das Töten gläubiger Menschen:
„Und wer einen Gläubigen vorsätzlich tötet, dessen Lohn ist die Hölle, ewig darin zu bleiben. Und Allah zürnt ihm und verflucht ihn und bereitet ihm gewaltige Strafe.“[1]Werden solche ethischen Suren stärker gewichtet als kriegerische und politische Aussagen, können sich die gewaltbejahenden Stellen durch eine kritische Gegenüberstellung auflösen. Die Gewichtung auf ethische Konzepte im Islam, würde den kriegerischen Islam deutlich widersprechen.

Der Denkfigur der totalen Eroberung der Welt durch den Islam, kann entgegenbracht werden, dass es wahrscheinlich ist, dass die Offenbarung durch Mohammed nur an die Araber gerichtet war. Das liegt zumal in der Sprache begründet, der Koran wurde erstmals als ein großes Werk in der arabischen Sprache publiziert, was dieser Sprache auch einen enormen Aufwind bescherte. Da aber Nicht-Araber generell auch nicht der arabischen Sprache fähig waren, hätten sie die Botschaft gar nicht verstehen können. Auch heutige Islamisten sind der Meinung, dass der Koran nicht in eine andere Sprache übersetzt werden darf, weil die Wirkung dadurch verloren gehen würde. So ist auch die Forderung vertreten, dass in Österreich der Koran nur in Arabisch gelesen und studiert werden soll. Mohammed muss vor allem dahin gehend verstanden werden, dass dieser eine ethische Botschaft verbreitet. Die politische Botschaft muss heute an Wirkungskraft verlieren.

Das Töten von Apostaten beispielsweise wurde vor allem von den späteren Rechtsgelehrten entwickelt, die eine sehr exakte Beschreibung des Vorganges darstellten. Diese Methode findet bis heute bei den Terrorgruppen strategische Anwendung. Der Gelehrte Malik Ibn Anas (715-795) der Begründer der sunnitischen Rechtsschule definierte die Methode. Wer die Religion des Islams ablege, sollte durch das Abschlagen des Kopfes den Tod finden.[2] Apostasie wurde vor allem ein politisches Instrument zur Bekämpfung der politisch ungewollten sozialen Gruppe. Es wurde vor allem ein Totschlagargument um Andersgläubige und unliebsame Muslime politisch zu bekämpfen.  Der Islam konnte sich auch deshalb so lange halten, weil die Mehrheit der islamischen Theologen sich einig sind, dass der Eintritt in das  Paradies nur für gläubige Muslime möglich ist, für alle anderen ist das Höllenfeuer bestimmt.

Es bedarf weit mehr als eine ethisch-historische Lesart konfliktbeladener Suren und Inhalte, vielmehr müssen die gefährlichen Inhalte als das identifiziert werden, was sie sind. Die in ihnen formulierten Machtansprüche und faschistische Aussagen müssen als eine historische Entwicklung verstanden werden, die heute ihre Gültigkeit verloren haben.

Der Koran als Basis für moderne Werte?

Eine reine Interpretation mit einem ethischen Hintergrundwissen des islamischen Textes, reicht nicht aus, um den Islam zu reformieren. Ein historisches Werk, wie der Koran es ist, ist nach dem Kritiker Ebrahim Moosa kaum in der Lage, Gleichberechtigung, Demokratie oder Gleichheit zu entwickeln. Sie ließe sich auch nicht aus ihm herauslesen,[3] vielmehr bedürfe es anderer Methoden. Eine autoritäre Begründung für die Gleichstellung oder die Demokratie durch eine neue ethische Hermeneutik des Korans zu entwickeln, sei demnach bereits von vorne hinein zum Scheitern verurteilt. Ein Vorgehen, in dem der Text neu interpretiert und nach Legitimationen für moderne Werte abgesucht wird, ist in der Geschichte des Islams immer wieder relativ erfolglos versucht worden. Die neuen Normen müssen aber auf einen anderen Weg erschaffen werden.

Durch die islamische Tradition des Analogieschlusses, wobei Fragestellung in Analogie zu Aussagen und Lebensweisen des Propheten gelöst werden, wurde eine freie Entwicklung von Ideen und Vorstellung in ein religiöses Korsett gedrängt. Die Freiheit als Basis einer liberalen Lebensanschauung wurde somit weitgehend unterbunden. Imame und religiöse Literatur trichtern den Muslimen immer ein, nur Sklaven Gottes zu sein. Wie kann sich da ein freier Geist, gar ein kritischer Geist entwickeln? Wenn die Menschen nur dann frei sind, wenn sie in Ketten der Islamismus sich befinden, ist der Freiheitskampf vor allem auf den traditionellen Regeln des Islams begründet. Damit ist auch erklärbar, warum islamistische Gruppen vermehrt den öffentlichen Raum besetzen, was zu mitunter zu massiven Spannungen führt. Die Befreiung der Muslime in Europa besteht daher vor allem in der strengen Umsetzung traditioneller Vorstellungen.

Der Islam muss nach der Meinung des Reformdenkers Mahmoud Muhammad Taha als Mahnung und Ermunterung für ein ethisches Leben verstanden werden[4], und nicht als ein totalitäres Normensystem, wie es der Fundamentalismus tut. Vor allem in Mekka basierte die Botschaft des Propheten weitgehend auf einem Toleranz- und Gleichheitsgedanken, der in Media beinahe ganz verloren gegangen ist. Der meddinische Islam ist vor allem durch eine kriegerische Politik gekennzeichnet, die heute ihren Bestand verloren hat, aber im traditionellen Islam weiterhin als starke Denkfigur vorhanden ist. Die in Medina geoffenbarten Suren sind gekennzeichnet von Gewalt, Zwang, Drohungen und der Notwendigkeit des Jihads. Sie dienen den Terroristen als eine legitimierte Basis ihres Treibens. Auch wurden diese Suren zur Basis des Rechtssystems, der Scharia, die von späteren Gelehrten entwickelt wurde.

Interpretationen und Dialektik

Abu Zaid vertritt die Meinung, dass es eine dialektische Beziehung zwischen den Korantexten und den Adressaten gibt.[5] Nur wenn der Koran in seiner historischen Genese betrachtet wird, kann unterschiede werden, zwischen zeitlosen ethischen Idealen und historische Geschehnissen aus dem Kontext. Dabei kann weiter unterschieden werden in ein religiöses Denken und eine dem Koran inne liegende Religion. Während ersteres vor allem von Gelehrten entwickelt wird, kann letzteres als ein universelles Element des Korans verstanden werden. Wird nicht unterschieden zwischen diesen beiden Elemente, vermischen sie sich zu einer vermeintlichen wahren Religion, die aber subjektiv interpretiert und gefärbt ist. Dabei ist das religiöse Denken das Ergebnis der Auseinandersetzung mit den Quellen und wird das religiöse Denken und durch die gelebte Religion beeinflusst. Je nach den herrschenden politischen Vorstellungen, Meinungen, Ideen, Ideale und gesellschaftlichen Konzepte, wird der Koran gedeutet und interpretiert. Diesen Interpretationsrahmen nutzen sowohl liberale als auch fundamentalistische Muslime. Unklare, widersprüchliche oder gewaltbejahende Suren müssen im Kontext der Menschlichkeit und im Licht der Rationalität gelesen und verstanden werden. Das Gewaltpotential des Fundamentalismus ist mit der Moderne nicht vereinbar.

Traditionalisten interpretieren den Islam wortwörtlich und unterschlagen dabei die bildhafte und symbolhafte Darstellung der Texte. Dabei ist bereits auch bei den Fundamentalistischen eine Zurückweisung bestimmte Bilder gegeben. So wollte Ibn Hanbal (780-855) bereits anthropomorphe Gottesvorstellungen im Koran nicht wortwörtlich verstehen, sondern nur in einem übertragenen Sinne begreifen.[6] Andere Aussagen allerdings mussten unreflektiert als wahr und absolut angenommen werden. Damit verdeutlicht diese Entwicklung, dass es in der Historie des Islams immer wieder zu Adaptionen, Zurückweisung bestimmter Suren und neue Interpretationen gekommen ist. Der vermeintliche ungeschaffene und ewiglich Korantext kann es damit gar nicht geben, sondern die Dialektik zwischen den Gläubigen und den religiösen Quellen tritt verstärkt in den Vordergrund.

Gerade im fundamentalistischen Sinn wird eine kritische Deutung des Korans bekämpft. Die Entfernung von den unterschiedlichen Koraninterpretationen und die Hinterfragung des historischen Kontextes findet nicht statt. Stattdessen verfestigen sich radikale Zitate, Interpretationen und Vorstellungen.

Nicht nur Gott spricht

Abu Zaid legte das Grundverständnis für eine notwendige Trennung der Überlieferung. Er unterschied drei Ebenen: Das Wort Gottes (kalam Allah), den Koran und die Offenbarung (wahy), wobei er grundsätzlich von der Meinung der Muslime, dass der Koran das Wort Gottes sei, nicht abwich.[7] Diese Unterscheidung aber legt den Grundstein für eine wichtige Hermeneutik des Korans. Im Koran lassen sich viele Suren finden, die nicht eindeutig das direkte Wort Gottes darstellen, sondern sogar Diskussionen, Beschreibungen und Berichte sind. Auch Bitten und Gebeten an Allah lassen sich finden.

Freiheitliches, humanistisches Denken muss losgelöst von einem religiösen Kern betrieben werden. Zwar ließe sich vor allem eine Humanisierung des Islams erreichen und Islamisten mit ihren eigenen Methoden schlagen, aber ein Aufbrechen des Islamismus bedarf einer säkularen Basis, die einen universellen humanistischen Standpunkt vertritt.

Die traditionelle Islamexegese ist vor allem von einem patriarchalen und machtbetriebenen Denken dominiert. Bei der Auslegung des Koran muss von einer deskriptiven und einer normativen Darstellung unterschieden werden. Während im Islamismus alle Suren als normativ verstanden werden, will der Reformislam vor allem deskriptive Suren finden. Ethische, verallgemeinernde Prinzipien, die sich auf alle Menschen übertragen lassen, können aber durchaus als eine Norm verstanden werden.

Was Islamisten aus dem Koran interpretieren und herauslesen, muss nicht automatisch der Wille Gottes sein. Allerdings wird die Interpretation der islamischen Gelehrten gleichgesetzt mit der Offenbarung Gottes, was eine fatale Entwicklung ist und die geschlossene Weltanschauung islamistischer Gemeinschaften verstärkt. Es gibt durchaus Stellen im Koran, die aus heutiger Sichtweise trotz vielfältiger hermeneutischer Versuche nicht in die Moderne passen.

Die Relativierung eines eindeutigen islamischen Verständnisses und Erkenntnisse zerbricht die fundamentalistische Sichtweise. Wenn die Interpretation islamistischer Strömungen entwickelt werden kann, dann auch andere Interpretationen. Die Fehlbarkeit des Erkenntnisvermögens geistlicher Führer wird somit offengelegt. Was einen direkten Angriff auf islamistische Strukturen ist. Der Koran kann in diesem Sinne als ein offener Text verstanden werden, der zu Interpretation einlädt und auch mit modernen Elementen vereinbar ist. Sofern gewaltbejahenden und politische Aussagen relativiert werden.

[1] Sure 4,93
[2] Vgl. Abdel-Hakim Ourghi, Reform des Islams, Seite 169
[3] Katajun Amirpur, Den Dschihad neu denken, Seite 41/42
[4] Katajun Amirpur, Den Islam neu denken, Seite 44/45
[5] Vgl. Katajun Amirpur, Den Islam neu denken, Seite 69
[6] Katajun Amipur, „Den Islam neu denken“, Seite 71
[7] Vgl. Katajun Amipur, „Den Islam neu denken“, Seite 73

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