Da’wah in Europa als ideologische Vorstufe?

26. Februar 2020 0 Von Markus Hahn

Der Begriff „Da’wah“ bedeutet so viel wie „Ruf“ oder „Einladung“ zum Islam. Ein Muslim, der die Da’wah macht wird als „Du`a“ bezeichnet und ist jemand, der sich in einem missionierenden Dialog mit potentiellen neuen Mitgliedern sich befindet. Er lädt in diesem Sinne Interessierte ein, sich dem Glauben anzuschließen. Hier soll Nicht-Muslimen die Lehren des Islams nähergebracht werden. Eine legitime Praxis und durch die Religionsfreiheit in Europa durchaus vertretbar. Aber gibt es notwendige Grenzen diese Bemühungen? Und ist diese Missionierung wirklich als harmlose religiöses Unternehmen zu verstehen oder spielen hier tiefliegender, problematische Gründe eine bedeutende Rolle?

Neben der harmlosen Einladung zum Islam, breitet sich in Europa eine deutlich schärfe Form der Da`wah aus. Diese haben die Muslime, nach Meinung der Islamisten, vernachlässigt, deshalb es, das Engagement hier zu verstärken. In der schärferen Version impliziert dieser „Ruf“ eine Mission, die Transformation Europas in ein islamisches Kalifat. Die Da’wah ist ein universelles Instrument, dass bereits von Mohammed angewendet wurde, um die Botschaft des Islam zu verbreiten. Nach der Zeit Mohammeds übernahmen seine Anhänger die Aufgabe der Ausbreitung der Lehre des Korans. Neben der kriegerischen Ausbreitung und Eroberung nicht-islamischer Gebiete, war die Da`wah ein effektives ideologisches Instrument der Missionierung und der Umgestaltung der nicht-islamischen Weltanschauung.

Dem Gott näherkommen

Die Da’wah ist aber nicht nur eine Missionierungsarbeit, sondern auch ein Prozess dem eigenen Gott näher zu rücken. Es ist also auch ein Prozess der Gotteswerdung in diesem Prozess auszumachen. Als Beleg für den Prozess der Annäherung an Gott wird oft die Sure 84,6 herangezogen, in der es heißt: „O Mensch, siehe, du bemühtest dich in Mühen um deinen Herren und sollst ihn begegnen. Ein Muslim, der also in der Da`wah aktiv ist, befindet sich in einem höheren geistigen Bereich als nicht aktive Muslime. Die Verbreitung der islamischen Lehre beginnt bereits im Familien- und Freundeskreis. Die Sure 26,214 wird generell als Begründung für die Verpflichtung der Missionierung in der eigenen Familie verstanden. Dort heißt es kurz: „Und warne deine Sippe“. Die Familie und in weitere Folge sind auch hier engen familiäre Freunde miteinbegriffen, ist der erste Raum für die Missionierung. Eine Verbreitung des Islams macht keinen Sinn, wenn die eigne Peergroup nicht die gleiche Überzeugung aufweisen.

Grundlegend geht die Missionierungsarbeit davon aus, dass die Grundüberzeugung der Menschen in einem Glauben an Gott tief verwurzelt ist. Dabei ist lediglich durch die moderne Lebensweise diese Bindung verloren gegangen. Die Da`wah missioniert daher nicht, sondern beschreitet den philosophischen Prozess des „Wiedererinnerns“ der Seele nach der Idee Platons. Einen solch philosophischen Prozess will die Missionierungsarbeit leisten, in dem die „ungläubigen“ Mitmenschen an den Glauben Gottes wieder erinnert werden. Daher schreibt Tariq Ramadan, es handelt sich um einen Prozess bei den die Menschen etwas bereits Vergessenes oder Totgeglaubtes wiederentdecken.[1]

Konfrontiert mit der Da`wah

Eine Veränderung der Missionierungsstrategie vollzieht sich in den letzten Jahrzehnten besonders im europäischen Kontext. Europa ist jener Kontinent, in denen sehr viele Muslime in einer nicht muslimischen Mehrheitsgesellschaft leben. Dieser Umstand gilt als ein Skandal in radikalen islamischen Kreisen. Die Verbreitung des Islams und die Umgestaltung Europas durch einen stärkeren Einfluss der islamischen Weltanschauung wird daher als eine Notwendigkeit verstanden. Nach dem umstrittenen Schweitzer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan ist die „Da’wah“ eine modernere Verpflichtung eines jeden Muslim.[2]Auch die Sure 16,125 wird gerne als Begründung der Missionierung herangezogen, dort wird die normative Aufforderung der „Islamisierung“ gefordert: „Lade ein zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung; und streite mit ihnen in bester Weise. […] dein Herr weiß am besten, wer von Seinem Weg abgeirrt ist, […].

 Bei Samir Mourad, einem deutschen Islamisten, Autor und Mitglied der „Didi-Info“ (Deutscher Informationsdienst über den Islam e.V.) ist die Einladung der Nichtmuslime von Muslimen zum Islam eine von Gott gegebene Verpflichtung.[3] Wobei die letztendliche Entscheidung von dem Nichtmuslim selber getroffen werden muss. Aber der missionierende Muslim ist verpflichtet darzustellen, dass sonst die Höllenqualen auf ihn warten. Wie kann hier von einem friedlichen Dialog gesprochen werden, wenn dem Nicht-Ungläubigen potenzielle Höllenqualen angedroht werden? Werden Erwachsene mit dieser Botschaft konfrontiert, mag dies relativ leicht abperlen. Was ist aber mit Kindern, denen mit Höllenqualen gedroht wird?

In einer für den Westen bestimmten Broschüre heißt es beispielsweise, dass der Dialog zur Überzeugung von Atheisten ein schwieriger Prozess ist. Das liegt auch daran, dass Atheisten oft arrogant und unhöflich sind.[4] Dementsprechend muss auch der Dialog demütig, höflich, aber dennoch bestimmt sein. Mit dieser Einstellung begegnen die missionierenden Muslime den Europäern. Welche Abwertung sich hier dann in weitere Folge verbreiten wird, lässt sich erahnen.

Inhalte der Da`wah

Generell wird die Lehre des Korans verbreitet, um neue Mitglieder zu finden und die islamische Umma weltweit zu stärken. In der deutschsprachigen Da’wah werden vor allem die materiellen Werte des Westens angeprangert. Es komme, so die Argumentation, zu einem massiven Werteverfall sodass Prostitution, Geldgier, Alkohol und andere vermeintlich verwerfliche Entwicklungen sich ungehindert ausbreiten können. Materialitätsdenken und Hedonismus drücken die „wichtigen Werte“ an den Rand. Abu Bakr, der erste Kalif nach Mohammed, gilt als der historische Missionar, der mit großer Wirkung die Da’wah betrieben hatte und somit mehr Muslime in das Kollektiv einband. Diesem historischen Vorbild gilt es nachzueifern. Je weiter aber das Wirken Mohammeds zurück lag, umso stärker entfernten sie die nachfolgenden Generationen von Muslimen von der Botschaft des Propheten.

Bereits der Prophet selbst soll vor der Entwicklung gewarnt haben, dass die Gläubigkeit der Muslime innerhalb einiger Nachfolgergenerationen abnimmt und die folgenden Generationen sich zwar muslimisch nennen, aber in ihrer Frömmigkeit nicht einem wahren Muslim entsprechen. In einer späten Generation entwickelten sich jene Strömungen, die in der Betrachtung der Orthodoxie ungläubige philosophische Bewegungen waren. Die wahre Botschaft Gottes, so die Argumentation der Kritiker, werde so verfälscht. Die Aufgabe der Da´wah besteht deshalb darin, Muslime klar zu machen, dass sie ihre Religion und deren Ideale verraten haben.

Die Unterwanderung durch Islamisten

Nach der Ideologie und dem Konzept „Abu Bakr Naji“ in seinem Werk: „Management der Barbarei“ beschreibt er die Da`wah als ein Trojanischen Pferd, das langsam in die Gesellschaft eindringt und dem Jihadismus die Türen öffnet. So sollen in Europa die Bürgerrechte in den Demokratien ausgehöhlt und ein Klima der Angst und Unsicherheit, des Hasses und der Wut gezüchtet werden. Stereotypische Feindbilder helfen den Islamisten in Europa die demokratiegefährdenden Lehren zu verbreiten und immer neue Anhänger zu finden. Die mittlerweile verbotene und von Choudary begründete Islam4UK konnte viele junge Muslime in kurzer Zeit rekrutieren.[5] Die jihadistische Gruppierung Sharia4Belgium soll Personen radikalisiert und in den Jihad geschickt haben.[6] Solche Gruppierungen streben einen Umsturz mit islamistischen Vorzeichen in Europa an. Die so betriebene Da`wah Missionen in Europa dienen der ideologischen Vorbereitung der islamistisch-jihadistischen Revolution.

Es sind Versuche, die Ideologie der religiösen Gegenkultur zu verbreiten. Hier muss unterschieden werden, zwischen einer Missionierung im Sinne von Terrorgruppen, Extremismus und der Ideologie von salafistischen Strömungen, die lediglich eine mögliche Vorstufe darstellen. Besonders letztere Bewegung agiert mehrheitlich im legalen Bereich und kann sich oft auf die gewährten Religionsfreiheiten berufen. Um eben diese Ideologie zu verbreiten, werden so genannten Da`wah Stände und Büros zu eröffnen. Dabei ist Da`wah fast genauso relevant wie der Jihad selber. Das Prinzip der Da`wah funktioniert über die legale Methode der Information und Überzeugung. Dabei wird das System der freien, offenen und toleranten Gesellschaft missbraucht um extremistische und islamistische Lehren zu verbreiten.
Europa befindet sich gerade am Anfang der neuen islamischen Herausforderung, welche die Werte und Konzepte der offenen Gesellschaft ständig provozieren. Die Da`wah kann schnell zu einem Einfallstor radikaler Konzepte und Ideologien werden. Dieser Herausforderung muss Europa mit den Werten der Aufklärung, des Humanismus und der kritischen Vernunft begegnen. 

[1] Vgl. Tariq RamadanDa’wa in the West: http://tariqramadan.com/english/dawa-in-the-west/
[2] Vgl. Tariq RamadanDa’wa in the West: http://tariqramadan.com/english/dawa-in-the-west/
[3] Vgl. Samir MouradEinladung von Nichtmuslimen zum Islam, Seite 9
[4] Vgl. Dialogue with an Atheist – Vs.4.0, http://www.dawahiseasy.com/download/483/
[5] Vgl. https://www.nzz.ch/international/naher-osten-und-nordafrika/der-britische-gehilfe-des-kalifen-1.18574874
[6] Vgl. https://www.welt.de/politik/ausland/article137350760/Belgische-Dschihadisten-zu-Haftstrafen-verurteilt.html

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