Markus Hahn

Al-Kindi und die notwendige Reaktivierung rationalen Denkens

Die islamisch-arabische Kultur wird gegenwärtig generell mit einer dogmatischen Schriftgläubigkeit, gesellschaftlichem sowie wissenschaftlichem Rückstand in Verbindung gebracht.  Zwar ist hinlänglich bekannt, dass der arabische Kulturraum die griechische Antike rezitierte, weniger geläufig ist hingegen das frühe philosophische Denken. Ein Umstand, der sehr bedauerlicherweise ist, denn gerade diese philosophischen Streben nach Wahrheit sollte nicht in Vergessenheit geraten.

Ein erster rationaler Denker in der islamischen Kultur war der in Kufa geborene Gelehrte Abu Jaqub ibn Ishaq al-Kindi. Der Philosoph der Araber, wie er oft genannt wird, war nicht wie die meisten Denker seiner Zeit, persischer, sondern arabischer Abstammung. Al- Kindi erlebte den Untergang einer freien Gesellschaftsform im islamischen Kalifat und wurde zum Opfer einer erstarkten Orthodoxie. Im 9. Jahrhundert war Bagdad das multiethnische und multikulturelle Zentrum des Kalifenreiches und Wiege viele Übersetzungstätigkeiten. Al-Kindi war stark von dem hellenistischen Griechenland beeinflusst, hielt aber dennoch weiterhin am Dogma der „creatio ex nihilio“, der Erschaffung der Welt aus dem Nichts fest. Der für die Menschen unerkennbare Gott habe die Erde aus der Zeit heraus erschaffen.

Aufschwung und Niedergang des freien Denkens

Das Universalgenie schätzte die griechische und persische Kultur weitaus höher als die Kultur der Araber und der Muslime. Solche freien Äußerungen waren damals am Hof des Kalifen der Abbasiden möglich. Durch diese theologische und philosophische Offenheit hielt die Rationalität in das Kalifenreich Einzug und legte die Basis der blühenden klassischen Kulturphase im Islam. Seine Bewunderung für die griechische Kultur ging so weit, dass er behauptet, der Stammesvater der Araber sei ein Bruder Jaunan gewesen. Der griechischen Mythologie nach stammen die Griechen von Jaunan ab. Durch die Behauptung, die Araber seien verwandt mit den Griechen, verdeutlichte er nicht nur seine Bewunderung, sondern er sagte damit auch aus, dass die arabische Kultur in der Lage sei, einen philosophisch-rationalen Weg einzuschlagen.

Im Jahr 830 traf Al- Kindi in Bagdad ein, dort waren nur sehr wenige Übersetzungen aus der griechischen Antike verfügbar. Er beauftragte Gelehrte, die Schriften von Aristoteles, Platon oder Plotin ins Arabische zu übersetzen und öffnete auf diesem Wege den arabischen Kulturraum für die griechischen Lehren. Durch den Zugang zu einem ständig größer werdenden Pool von Wissen und Erkenntnissen, veränderte er auch immer wieder seine philosophischen Lehren. Dieser Wandel lässt sich gut in seinem Werk „Über die erste Philosophie“ nachzeichnen. Hier lassen sich einerseits viele Einflüsse von Aristoteles Metaphysik erkennen, andererseits auch neuplatonische Denker. Al-Kindis Lehren sind gekennzeichnet von dem Weg eines Suchenden, der immer wieder neue die Einflüsse der Übersetzungstätigkeiten aufarbeitete. Dementsprechend veränderte sich auch seine Philosophie, die zweitweise aristotelische, platonische oder neuplatonische Akzente aufwies.

In der Anfangsphase waren die Kalifen der Abbásiden (bis ca. 847) bemüht die hellenistischen und iranischen Literatur- und Wissenschaftstradition sich anzueignen. Die Zeit der Liberalität und Herausbildung eines freien philosophischen Denkens endete je. Bereits unter der Herrschaft al-Ma`muns (813-833) gewannen die traditionellen Strömungen einen starken Aufschwung. Anfangs wehrte sich der Kalif stark gegen einen Absolutheitsanspruch, welcher abgeleitet von den Hadithen wurde und verfügte, dass die rationale Schule der Mu`taziliten als theologisch verbindlich gelten sollte. Er ließ sogar den Verfechter der orthodoxen Lehre der „Ahl al-Hadíth“ Ahm ibn Hanbal (780-855), er war bestrebt alle Gesetze aus dem Koran und den Hadithen abzuleiten, als Feind des rationalen Dogmas verfolgen. Mit der Amtsübernahme des Kalifen Mutawakkli (847-861), war die liberale Phase weitgehend vorüber. Zwar beendete er die Mihna (Inquisition unter der auch Ahm ibn Hanbal verurteilt wurde), aber es kam unter seiner Herrschaft zur Anerkennung der „Ahl al-Hadíth“ als Orthodoxie. Damit waren rationale Lehren, wie Al-Kindi sie vertrat, nicht mehr gerne gesehen.

Die moderne Relevanz seiner Lehren

Obwohl Al-Kindi vom Hof verjagt wurde und wahrscheinlich in Ungnade starb, hinterließ er geisteswissenschaftlich gesehen einen bleibenden Einfluss. Er entwickelte eine Lehre, die später in der islamischen Philosophie eine starke Bedeutung haben sollte und unter dem Begriff der „doppelten Wahrheit“ bekannt wurde. Nach Al-Kindi gibt es zwei Zugänge zur Wahrheit, entweder durch philosophische Reflexion oder durch den religiösen Glauben an das Offenbarungswissen. Beide Wahrheiten und Erkenntnisse würden sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern sich ergänzen, wobei er in Streitfragen dem Offenbarungswissen mehr Autorität einräumte. Auf diesem Wege versuchte er die Lehren der Prophetie durch rationale Argumente zu stützen und in Einklang mit der rationalen Philosophie zu bringen.

Die Philosophie gesteht dem Wissen einen hohen Stellenwert zu, da die Vernunftebene eine göttliche sei und der Mensch mit seinem Verstand Anteil an diesem hätte. Die rationalen Leistungen des Menschen sind nach seiner Lehre eine Annäherung an das Göttliche, weshalb Bildung und Wissensaneignung als eine Form der göttlichen Annährung verstanden werden kann. Ein Kennzeichnen seiner Lehre besteht in er prinzipiellen Gleichberechtigung der philosophischen und religiösen Wahrheit, ein Umstand, der heute von einer starken Orthodoxie verhindert wird. Diesen gelebten rationalen Geist Al-Kindis, der auch die damalige Theologie erfasste, wieder aufleben zu lassen, kann eine notwendige Reform des Islams voranbringen und die geistigen Ketten des dogmatischen Fanatismus sprengen. Sofern der philosophische Zugang zur Wahrheit gestärkt wird.