Die notwendige Entschärfung des Islams

Der edle Quran -Quelle: Pixabay

Für die meisten Muslime gilt der Koran als die göttliche Offenbarung durch ihren Propheten Mohammed. Er wird besonders in der traditionellen Vorstellung zum absoluten Leitfaden des Denkens, Handels und der Weltanschauung. Dabei bildet der Koran das ewig gültige und absolute Gesetz der islamischen Identität. Diese Struktur gebende göttliche Offenbarung nicht verändert oder kritisiert werden. Solche Prozesse werden oft als Angriff auf die sakrale Göttlichkeit und als Gotteslästerung verstanden. So gelingt es den Extremisten immer mehr, notwendige Reformen in Europa zu unterdrücken und ein neues Selbstbewusstsein der Muslime zu entwickeln. Sämtliche Reformen, die nicht durch die islamische Theologie gedeckt sind, werden konsequent zurückgewiesen.

Mit dieser transzendenten Immunisierungsstrategie wird der Koran als die Hauptquelle der Identität der Muslime gegen gesellschaftliche Reformen und liberale Öffnungen abgeschirmt. Damit entwickelt sich die Religion zu einer unangreifbaren Ideologie. Mit diesem Selbstverständnis wird die Gültigkeit der heiligen Schrift in die Moderne transformiert und entfaltet eine fatale Wirkung. Die Rückkehr der Religion in der Moderne ist begleitet mit einem Aufstand der „Frommen“. Ein solcher Rechsislam ist gekennzeichnet von Absolutheitsansprüchen und einem politischen Machtstreben. Er verdrängt die humanistischen Konzepte des Islams und greift vor allem die kämpferischen Suren als Identitätsmerkmal auf.

Dabei gilt in der islamischen Theologie das Prinzip der Abrogation. Bei Widersprüchen mit früheren offenbarten Suren, besitzen die späteren Suren vorrangig eine Gültigkeit. Das ist deshalb so problematisch, weil die ethischen Suren vor allem in der mekkanischen Phase geoffenbart, während die kriegerischen Suren erst später entwickelt wurden. Damit heben prinzipiell die kriegerischen die humanistischen Suren auf, der Weg in den islamistischen Extremismus wird damit theologisch leichter argumentierbar.

Die Macht der medinischen Suren

Auf eben diesen veröffentlichen kriegerischen Islam beziehen sich die Ideologen des islamischen Terrorismus. Dabei wird die Religion nicht instrumentalisiert, sondern nur die tradierten Quellen fundamentalistischen verstanden. Die Extremisten können ihre jihadistische Weltanschauung theologisch vollkommen richtig aus dem Koran ableiten. Weltweit werden Suren aus der medinische Zeit in den Moscheen gepredigt und wie ein Mantra auswendig gelernt. Der Koran stellt den Extremisten das theologische legitimierte Werkzeug der Gewalt und des Aufstandes gegen Ungläubige zur Verfügung. Die im Koran verbreitete Botschaft der Gewalt reaktivieren die Extremisten lediglich.

Die Macht dieser vor allem kriegerischen Phase des Islams spiegelt sich auch in der gesellschaftlich problematischen Frage der so genannten „Hass-Prediger“ wieder. Diese, so die westliche Vorstellung, instrumentalisieren die göttliche Botschaft um ihren Hass gegen den Westen einen theologischen Rahmen zu bieten. Dabei rezitieren solche Personen, genau wie liberale und säkulare Muslime, lediglich aus dem heiligen Buch der Muslime. „Hass-Prediger“ unterscheiden sich lediglich von der selektiven Auswahl der gepredigten Suren aus der medinischen Ära und der bewussten Einsetzung sprachlicher Rhetorik um eine gewissen religiös radikale Botschaft an die Zuhörer zu tragen.

In vielen Moscheen Europas findet eine Verbreitung eines Islams europäischer Prägung statt. Vielmehr wird ein neues religiöses Selbstverständnis der Muslime gepredigt, dass bis in die Mehrheitsgesellschaft hineinstrahlt. Die Exklusivität der Muslime und die moralische Überlegenheit sind immer wieder Themen von problematischen Reden. Dabei wird ein idealisiertes Bild der utopischen islamischen Gemeinschaft entwickelt. Von diesen abgeschlossenen „Orten der religiösen Moralität“ in den Moscheen geht eine Gefahr für das friedliche Zusammenleben aus. Sofern diese Entwicklungen nicht durch eine tiefgreifende Reform des Islams gestoppt werden, besteht die Gefahr der Zunahme von religiös motivierter Gewalt und Extremismus. Der Gedanke der Befreiungsideologie der Muslime aus nicht-muslimischen Strukturen in Europa ist durch den Fanatismus der modernen Jihadisten erneuert worden.

Religion mit Religion entschärfen?

Es haben viele liberale Denker und Reformer versucht eine Entschärfung des Korans zu verbreiten und den Islam als ein Projekt der Moderne zu entwickeln. Dabei unterläuft den meisten Denker aber ein fataler Fehler, sie interpretieren den Liberalismus, die Demokratie, den Humanismus oder den Feminismus aus dem Koran heraus. Damit entwickeln solche Reformen lediglich eine liberale Sichtweise des Korans, aber entschärfen diesen keinesfalls. Sowohl liberale Interpretationen, als auch die jihadistische Exegese ist theologisch gerechtfertigt und aus dem Koran folgerichtig abzuleiten. Wobei aber hier nochmals erwähnt werden muss, dass generell jüngere Suren, die frühere Suren bei Widersprüchlichkeit aufheben und somit prinzipiell den kriegerischen Suren Vorrang verschafft.

Das führt zu der groteskesten Situation, dass die jihadistische Interpretation des Korans, bei Widersprüchen mit humanen Konzepten, diese Weltanschauung aufhebt. Da die kriegerischen Suren erst nach den ethischen geoffenbart wurden, haben diese nach der traditionellen Ansicht Vorrang zu bekommen. Eine auf Basis des Korans entwickelte humanistische Interpretation führt zur Stärkung der extremistischen Position.  Weil einerseits die Humanität des Islams verbreitet wird, andererseits aber diese Weltanschauung theologisch von den Extremisten zurückgewiesen werden kann. Eine Entschärfung des Korans durch den Koran ist daher von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Es bedarf bei der notwendigen Entschärfung andere Konzepte und Lösungsstrategien.

Die Entschärfung von religiösen Texten durch die eigene Religion führt zu einem Zirkelschluss und zu einer Verfestigung von bestimmten Denkfiguren. Reformdenker und liberale Interpretatoren haben zwar eine neue Sichtweise entwickelt und damit eine Debatte um die Entschärfung des Korans vorangetrieben. Es wird aber Zeit, dass diese Entschärfung auf einer neuen Ebene stattfindet, um den sich ausbreitenden Extremismus zu begegnen.

Eine philosophische Exegese

Bei der Entschärfung des Korans kann eine philosophische Kritik die sozialproblematischen Suren relativieren und damit die Basis für einen sozialverträglichen Islam schaffen. Die Erkenntnis der Gefangenschaft der Muslime in einem theokratischen und dogmatischen Glaubenssystem stellt dabei die Basis der Befreiung aus den religiösen Ketten dar. Es ist geistige Befreiung der Muslime durch die Stärkung der Individualität und des kritischen Denkens. Ein Prozess der durch viele Moscheen und Islamvereine in Europa verhindert wird.

Eine philosophische Betrachtung des Korans anerkennt die Botschaft als eine „psychische Biografie“ Mohammeds und als ein Spiegelbild der Probleme der damaligen Gesellschaft. Die göttliche Offenbarung stellt aus der modernen Sichtweise das Lösungsdenken des Ekstatikers Mohammed dar und ist damit zeitlich begrenzt. Damit sind vor allem die kriegerischen Suren lediglich Ausdruck der Bedürfnisse, Wünsche und Realisierungsmöglichkeiten des Propheten und seiner Anhänger. Mit einer solchen philosophischen Kritik kann es gelingen, den sozialen Sprengstoff in den tradierten Quellen zu identifizieren und zu entschärfen.

Es bedarf einer Ent-Ideologisierung der islamischen Weltanschauung. Die fatale und bedingungslose Liebe zu Allah muss durch eine rationale Analyse der tradierten Quellen durchbrochen werden. Erst wenn die Suren und Hadithe kritisch hinterfragt werden, wenn problematische Suren als historische Zeitzeugen anerkannt werden, kann es zu einer Humanisierung des Islams kommen. Die Entkoppelung der absoluten Machtansprüche und die „Vermenschlichung“ der idealisierten Figur Mohammeds stellen notwendige philosophische Öffnungsprozesse dar. Nur durch den Gebrauch der menschlichen Vernunft, können die dogmatischen Fesseln gelöst werden. Gelingt dieses Projekt nicht, droht der Islam in Europa immer mehr zu einem sozialen Sprengsatz zu werden.

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