IS-Rückkehrer

IS-Flagge
IS-Flagge, Wikipedia

Das Ende des IS-Kalifats liegt in der Luft, nur mehr wenige tausend Jihadisten leisten erbittert Widerstand. Das Ende dieses räuberischen Terrorstaates war absehbar, auch die Folgen hätten erkannt werden müssen. Doch die europäischen Staaten haben davor die Augen geschlossen. Es herrscht allgemeine Ratlosigkeit, wie mit gefangenen Jihadisten umgegangen werden soll. Die Lage in Syrien ist instabil, die Strukturen fragil, hier können die tickenden Zeitbomben nicht lange inhaftiert werden, es droht ein erneuter Kollaps. Zurücknehmen wollen die westlichen Staaten ihre Kämpfer auch nicht. Eine Patt-Situation, die letztlich den Terrorismus erneut fördern könnte.

Die IS-Jihadisten haben genug von Krieg, Terror, Gewalt und Hass. Ihre Siegesmythen liegen in den Trümmern der zerstörten Städte und Dörfer. Die stolz geschwungene Todesfahne des IS flattert nicht mehr im Wind, die Toten sind nicht die „Feinde Allahs“ sondern vor allem IS-Kämpfer und Zivilisten. Der Staat ist besiegt, seine Anhänger wollen zurück, heim nach Deutschland, Österreich oder Frankreich. Aber an dieser Wunschvorstellung scheitert es an dem politischen und gesellschaftlichen Willen solche Verbrecher in Europa zu integrieren. Syrien und der Irak wollen die Todesschwadronen so schnell wie nur möglich loswerden. Während es im Irak bereits etliche IS-Gerichtsverfahren gibt und auch etliche Todesurteile ausgesprochen wurden, zeigt sich die Situation in Syrien derzeit noch chaotischer.

Es ist gar nicht so lange her, dass begeisterte Jugendliche und Erwachsene in einen aufstrebenden Terrorstaat nach Syrien gezogen sind. Hass, Gewalt, Zerstörung, sexueller Missbrauch; das ultimative Dominanzgefühl der Jihadisten zog tausende begeisterte Menschen an. In Ausbildungscamps lernten sie ihr perfides Töten, sie wurden zu religiösen Bomben erzogen. Weibliche Jihadistinnen versorgten ihre kämpfenden Männer, kümmerten sich um die versklavten Zweitfrauen, erzogen die nächste Generation von Jihadisten oder sorgten als Sittenpolizei für das korrekte Tragen der Kleidung. Es war der totalitäre Staat, der jedem Mitglied seinen Platz zuwies.

Wer sich ein wenig mit dem Vorgehen dieses Terrorstaates befasst hat, weiß, dass bereits kleine Kinder getötet haben, dass sie stolz waren, wenn ihre Opfer durch ihre Hand starben. Die leuchtenden Kinderaugen, wenn die Kugel das Gehirn des Feindes durchsiebt und der leblose Körper zu Boden fällt. Der Stolz der Ausbilder, das erhabene Gefühl Gott spielen zu können, vereinigte sich zu einer fanatischen Weltanschauung. In vielen Videos sieht man die perfekte Tötungsmaschinerie, die Perfektion der medialen Abschlachtung der IS-Opfer, die Freude beim Töten und Zerstören, den unendlichen Hass in den Augen der Terroristen. Die Indoktrinierung mit der Theologie des Todes führte dazu, dass die Jihadisten willig töten, Empathie wurde ihnen abtrainiert. Jetzt wollen diese Menschen zurück, sie wünschen sich heim zu kommen. Eine gelebtes Siegesideologie ist nur so lange attraktiv, solange diese triumphieren kann. Der Nimbus der Unbesiegbar ist verloren.

Diese Killermaschinen stellen ein ernsthaftes Sicherheitsproblem der westlichen Staaten da. Dabei hat die wehrhafte Demokratie das Recht, ja sogar die Verpflichtung sich gegen ihre Feinde zu wehren und die Mehrheitsbevölkerung effektiv zu schützen. Es darf nicht vergessen werden, diese Personen haben sich in Europa radikalisiert, in „Hinterhof-Moscheen“, in Jugendclubs, durch den Kontakt mit radikalen extremistischen Gruppen und Personen und durch soziale Medien. Ihre Sozialisierung zur Theologie des Todes fand in dem Rahmen der europäischen Wertegemeinschaft statt, als ein Prozess der Anti-These dieser liberalen Gemeinschaftsform.

Auch wenn viele jihadistische Strukturen in Europa zerstört oder angeschlagen sind, existieren weiterhin viele islamistische Vereinigungen. Der Einfluss radikaler Gruppen in Europa nimmt beständig zu, die Anhängerzahl der salafistischen Ideologie wächst weiterhin, wenn auch langsamer. Alles Zeichen für das Versagen einer präventiven Anti-Terrorstrategie der europäischen Wertegemeinschaft. In diesen ideologischen Pool von radikalen Gruppen und islamistischen Lehrmeinungen kommen jihadistischen Rückkehrer aus dem Kalifat. Sie können schnell zu Galionsfiguren in der islamistischen Szene aufsteigen.

Die Verfolgung der Straftaten der Rückkehrer ist aus Europa denkbar schwierig, meist bleiben veröffentlichtes Bild- und Videomaterial als Beweisgrundlage oder die Arbeit der Geheimdienste übrig. Oftmals kann aber nur die Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung nachgewiesen werden. Kriegsverbrechen werden damit nicht angeklagt und die Massenmörder und Vergewaltiger kommen mit einer sehr geringen Strafe davon. Sie landen in europäischen Gefängnissen, die immer mehr zu Radikalisierungsorten werden. Amis Amris, der einen Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt verübte, soll sich in einem europäischen Gefängnis erst radikalisiert haben. Auch andere Attentäter haben sich im Gefängnis mit dem Virus des Hasses und der Gewalt angesteckt. Rückkehrer aus Syrien erhöhen damit das Radikalisierungspotential, sie steigen zu mystischen Helden der Kampfszene auf.

Die zu erwartende Rückkehrwelle von ehemals begeistern Jihad-Anhängern stellt Europa vor eine große Herausforderung. Eine gezielte Rückführung bedarf die gemeinsame Anstrengung des Staates und der Zivilbevölkerung. Es wird ein großer personeller und finanzieller Aufwand, solche Personen aufzunehmen und zu integrieren. Dabei ist der Erfolg dieses Projektes unsicher. Gelang es doch bis heute nicht, salafistisch-islamistische Netzwerke und Einflüsse zu zerstören. Hier besteht die große Gefahr, dass solche Netzwerke ehemalige IS-Rückkehrer auffangen und erneut radikalisieren.
In diesem Kontext sei nur an die Rückkehrer des Jihads in Afghanistan erinnert. Die „Arabischen Afghanen“ konnten sich mehrheitlich nicht mehr in ihre Länder integrieren, sie verbreiteten weiterhin die Ideologie des Hasses. Viele tauchten in den Konfliktfeldern im Kosovo, in Bosnien oder in Tschetschenien auf. Später zog es viele Gotteskrieger wieder zurück an den Hindukusch, hier erwartete Bin Laden die wieder gekehrten Jihadisten.

Viele IS-Jihadisten sind bis heute von der Ideologie überzeugt. Lediglich vom selbsternannten Kalifen sind viele Anhänger enttäuscht, er hätte sie in Stich gelassen. Die Gefährlichkeit der religiösen Ideologie wird bis heute in Europa stark unterschätzt.

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